Die Autorin unterwegs – mit Geschichten von unterwegs

Am Samstag, den 21. Januar 2017 darf ich zusammen mit meiner lieben Kollegin Paula Kemp in Düsseldorf Dinge vorlesen: Geschichten von unterwegs – Marokko-Roadtrip meets Genua-Ennui in Shari’s Kitchen in der Collenbachstraße 41.

Direkt im Anschluss geht es weiter nach Mönchengladbach, wo ich am 22. Januar mit Paula und Marlies Weißbrich mehr Geschichten von unterwegs erzähle – zusätzlich zu Marokko & Genua dürft ihr dann auch den Jakobsweg erforschen. Im Ladenlokal in der Eickener Straße 41, Beginn 20 Uhr.

Über das neue Jahr

Jahreswechsel scheinen den Menschen ein wenig auf die Nerven zu gehen. Zumindest in meiner persönlichen Filterblase tummeln sich mehr Leute, die sich über das angenommene Rekapitulieren der vergangenen Monate durch ihre Mitmenschen echauffieren, als Leute, die tatsächlich genau diese Rekapitulation betreiben.
Ich finde das schade, denn ich mag Symbole, ich mag Rückblicke. Ich mag es, einen Tag zu erleben und mir auch zu gönnen, an dem ich nachsehe, was so alles war und hätte sein können und jetzt ist und vielleicht werden wird.

(»Was vielleicht werden wird« ist dabei übrigens mein Liebling, mein »Happy Place«, wenn ich nicht schlafen kann und das [nicht völlig zu Unrecht] viel gepriesene »Jetzt« schlicht kacke ist.)

Der letzte Tag des Jahres ist aus verschiedenen Gründen gut geeignet, dieser Neigung nachzugeben: Ich muss gemeinhin nicht arbeiten, die Stadt ist meist kalt, leer und ruhig, und alles bereitet sich auf einen schönen Abend mit Freunden vor.

(Heute bin ich zudem ein wenig kränklich, was mir immer als Ausrede dient, noch intensiver auf der Couch herumzuhängen, als ich das ohnehin tue.)

In der Vergangenheit hatte ich zum Glück häufig die Gelegenheit, diesen Tag mit Freunden zu begehen, bei festivalartigen Zusammenkünften über mehrere Tage. Wir gingen gemeinsam einkaufen, kochten mit tatkräftiger Unterstützung diverser Flaschen Wein, aßen, unternahmen Spaziergänge, spielten Partyspiele, aßen, hörten Musik, sahen Filme, aßen, teilten, was uns das Jahr über widerfahren war, aßen, tranken, aßen, purzelten übereinander, aßen, und um Mitternacht lagen wir uns in den Armen und freuten uns, dass wir einander kennen durften. Am nächsten Tag saßen wir mehr oder weniger verkatert in der Sauna und begannen das neue Jahr friedlich und aufgeräumt, ehe wir noch mehr aßen.

Nach diesen Tagen wieder nach Hause zu fahren, war immer einigermaßen hart.
Jetzt daran zu denken, dass es so bald keine dieser Jahresendzusammenkünfte mehr geben wird, ist noch härter.

Doch das hat nur am Rande mit 2016 zu tun; eigentlich nur insofern, als mein 2016 geprägt war von Erinnerungen an meine Freunde und meine Vergangenheit und all die Dinge, die so nicht wieder stattfinden werden, zumindest nicht in absehbarer Zukunft.
Das klingt dramatisch, als wären alle tot oder so. Dem ist natürlich nicht so, ich bin einfach nur umgezogen, das erste Mal in meinem Leben dauerhaft weg von daheim. Ich kam nicht mal besonders weit, gerade weit genug, dass ich mir ein neues Umfeld suchen und meine Zeit anders planen muss. Eine Umstellung, die gerade groß genug ist, dass sich alles anders und neu anfühlt und ich mich oft einsam.

Das wird sich vermutlich im Laufe des nächsten Jahres ändern, denn dieses Mal gibt es Vorsätze im Hause Turini!

Die Veränderungen der nahen Vergangenheit waren krass: Viele Menschen sind nicht mehr da, oder geografisch weit weg, oder emotional weit weg. Dafür sind zahlreiche neue Menschen in mein Leben getreten, mit einem davon habe ich mich sogar verlobt. Meine berufliche Situation ist völlig anders als früher, der Aufbau meiner freiberuflichen Tätigkeit hat Zeit, Geld und Nerven gekostet – zum Glück aber auch Zeit, Geld und Glück gebracht.
Jetzt will ich in aller Ruhe ausbauen, was ich angefangen habe & mich auf das zurückziehen, was ich kann und mag. Große Veränderungen oder wahnwitzige Pläne werde ich 2017 einfach mal nicht machen. Ich wünsche mir ruhiges Fahrwasser, will ein klein wenig Stabilität in mein Leben bringen und die neuen Beziehungen vertiefen.

Klingt langweilig, und vielleicht wird es das manchmal auch werden, aber es ist notwendig: Ankommen ist die Devise für die zwölf Monate, die vor mir liegen.

Was auch immer ihr euch alle vornehmt oder erhofft, ich erhebe mein Glas (und heute Abend wird es zahlreiche Gläser geben, die ich zu erheben gedenke) & proste euch zu & wünsche euch, dass es klappt.

AUF DEM DACH oder: Wie mir manchmal wirre Ideen kommen, wenn ich in der Gegend rumliege

Wenn man Yoga praktiziert, praktiziert man auch Meditation sowie Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

(Das klingt dröge, fühlt sich aber großartig an.)

Und manchmal, wenn so daliegt und seine Gedanken kommen und gehen lässt, locker und sanft und gaaaaanz entspannt, können entschieden merkwürdige Gedanken kommen.

Und womöglich nicht wieder gehen.

Zum Beispiel der, dass die Luft, die ein- und ausströmt und den Körper mit Prana, der Lebensenergie, versorgt, auch etwas ganz anderes sein könnte, das nicht einfach nur einströmt, Sauerstoff ablädt und wieder verschwindet, sondern etwas, das gewaltsam eindringt, sich breitmacht und absolut nicht daran denkt, wieder zu gehen.

Etwas, das einen verändert.

 

Beim Yoga kam mir die Idee zum Schicksal des Protagonisten meiner Erzählung in „Lückenfüller“, und beim Yoga habe ich dann auch den Rest entworfen.

(Es waren mehrere Übungsstunden, in denen ich so abgelenkt war, dass rein gar nichts funktionierte – aber am Ende hatte ich eine halbe Geschichte.)

(Immerhin.)

Den zweiten Teil kannte ich bereits, in gewisser Weise, denn seit ich diese aufschlussreiche Diskussion gelesen habe, ließ mich der Gedanke an Experimente mit Ameisen nicht mehr los …

Manchmal ist genau das mein Leben. Manchmal passt mir das ganz gut.

(Manchmal beschert es mir auch einfach Rückenschmerzen. Keine anständige Yoga-Praxis und so …)

 

Wer wissen will, wie die anderen Beiträge der Anthologie entstanden sind & welche merkwürdigen Gedanken meine werten Kollegen so hatten, der darf hier, hier und hier schauen!

TENTAKEL AHOI!!

Wie manch einer vielleicht mitbekommen hat, ist meine aktuelle Veröffentlichung eine ganz besondere: Meine liebe Freundin Claudia Rapp hat die Herausgeberschaft für eine ziemlich durchgeknallte Anthologie übernommen.

Es geht um Tentakel.

Und was man damit alles anstellen kann.

Und Sex.

Ich durfte mitmachen. Es war heiß!

Claudia hat auf ihrem Blog die Hintergründe ihres Beitrags beschrieben, und Sascha Schlüter (ebenfalls mit einer Geschichte vertreten) hat einen sehr feinen Trailer spendiert.

In den nächsten Tagen folgen mehr Hintergrundinfos zu der besten Anthologie des Jahres, die ihr hier als eBook und hier als streng limitiertes Hardcover bestellen könnt.

Greift zu, später gibt es das wunderhübsche Dinglein nicht mehr! NIE WIEDER!

Kurzurlaub

… und dann wachst du eines Tages auf und fühlst dich nicht gut und genaues Nachdenken bringt dich darauf, dass dein Unwohlsein einen einfachen Grund hat:

Du bist nicht, wer du zu sein glaubtest.

Das kann der Mutter passieren, die plötzlich feststellt, dass sie Kinder nicht leiden kann, oder dem Banker, der lieber Bäume retten will, oder der Schülerin, die statt ihres Freundes lieber die beste Freundin küssen will.

Es kann aber auch passieren, dass du gestern noch neidisch auf deinen Kumpel warst, der sechs Wochen in Thailand verbringen wird und es wütend auf „kein Geld“ und „keine Zeit“ geschoben hast, dass du so was niemals tust, und heute stellst du fest:

Nix da, Geld und Zeit ließen sich einrichten, du willst schlicht nicht sechs Wochen weg.

Kurz: Du wachst auf und stellst fest, dass du überhaupt kein verhinderter Globetrotter bist, sondern eine sehr erfolgreiche Couchpotato, ein Heimscheißer, einer der langweiligen Daheimaufmbalkonsitzer.

Was du doch eigentlich niemals sein wolltest.

 

Um nicht vollends die Achtung vor mir selbst zu verlieren, präge ich hiermit den Begriff „Permanentkurzurlauberin“.

Anzeigenplatzierung deluxe!

Gerade gesehen: Ich habe viel zu lange nichts mehr geschrieben.

(Wird sich bald wieder ändern, versprochen.)

Auch gerade gesehen: Wenn man beim Online-Händler nach dem „Silberfischchen“-Buch sucht, erhält man als „Zusammen kaufen mit“-Vorschlag eine Packung „Silberfischchen-Köder“.

Diese hier sollen laut dem Online-Händler die besten sein.

Gern geschehen.

Das neue Buch im Lesezimmer – und ein kleines Extra

Die gute Mory durfte beim letzten Mainz-Besuch im großartigen Lesezimmer einkehren und einen Auszug aus dem neuen Buch lesen. Mitsamt dem kleinen Edgar Allan Poe und einem fiesen Versprecher.

(Und Bier, weil ich so arg nervös war.)

(Zu recht, wenn ich den fiesen Versprecher bedenke.)

Leider steht das Video noch nicht in der offiziellen Bibliothek, wohl aber auf YouTube. Wer also ein Viertelstündchen Zeit hat, darf der guten Mory ein bisschen zuhören und dann das neue Buch kaufen!

Wer kein Viertelstündchen hat, mich aber dennoch mal beim Lesen beobachten will, kann sich auch meine kleine Geschichte „Barfly“ anhören:

Viel Spaß im Lesezimmer — stöbern lohnt sich!

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 3

Bisher mag der Eindruck entstanden sein, es ginge im neuen Buch nur darum, zu viel zu trinken oder die Uni zu schmeißen. Das ist nur halb richtig. Es geht auch um das Suchen und Finden von Liebe:

 

So ein Leben in der Fremde kann sehr schnell einsam werden, da hat jeder neue Bekannte das Potential zum Seelenverwandten.
»Verdammte Stadt, eigentlich«, setzte Pit an, als ich gerade mit einer zweiten und dritten Flasche Wein vom nahen Billig-Supermarkt zurückkam. »Verdammtes Land sogar. Dieses Klopapier. Ich meine, was soll das? Es ist höchstens zweilagig, und es sind zwei dünne Lagen. Das ist doch total lächerlich! Im Krankenhaus wird man erst behandelt, wenn man schon halbtot ist, ansonsten kriegt man Schmerzmittel und muss warten. Waschmittel reicht nur für 25 Wäschen, egal, wie groß die Flasche ist. Essen ist teuer, dafür sind Kippen billig und Alkohol auch.
Und jeder dieser elenden Genueser hat einen Hund und jeder dieser Hunde scheißt einfach so auf die Straße, was natürlich niemand wegmacht, außer es regnet, dann kommt es einem entgegen, wenn man den Berg hochläuft. Genueser ohne Hund haben garantiert schreiende Kinder dabei, laut schreiende Kinder, die alles dürfen.
Rauchen ist überall verboten und die Italiener behaupten, das würde ihnen gefallen. Mag im Sommer ja auch stimmen. Ich bin gespannt, wie sie im Winter reden, wenn sie frierend auf der Straße stehen, um ihr Nikotin zu kriegen.«
Dann war er unvermittelt wieder still. Ich nahm ihn mitfühlend in den Arm.

 

Hier gibt es mehr.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 2

Nicht nur um Fäkalien, nein, es geht auch um die Widrigkeiten des Universitätslebens. Zum Beispiel die Anmeldung zu Semesterbeginn.

Im Moment wurde der Glückspilz mit der Nummer 351 von der übellaunigen, dicken Sekretärin abgefertigt, die sich offenbar exklusiv um die ausländischen Studierenden kümmern sollte. Auf meinem Zettel stand 512. Seufzend ging ich vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Auf dem Weg wich ich einem jungen Mann aus, der wirkte, als säße er schon immer hier: In einen dreckigen Parka gewickelt starrte er stumm vor sich hin, den Zettel mit der Nummer schlaff in der Hand, die Beine in grauen Jeans halb unter sich gezogen. Sein Bart war erstaunlich lang und fusseliger, als ein Bart natürlicherweise sein sollte. Er roch erbärmlich. Ein kunstvolles Spinnennetz spannte sich zwischen seinem Kopf und der Wand.
Draußen traf ich auf zwei Mädchen, eines davon in einem T-Shirt mit dem unverkennbaren Logo des FC St. Pauli. Ich freute mich heimlich über die Deutschen – Erasmus ahoi! – und bot Zigaretten an. Die beiden musterten mich verständnislos und drehten sich weg. Verwirrt stand ich da, die Kippenpackung noch offen vor mir ausgestreckt. Gerade wollte ich es auf Italienisch versuchen, da murmelte die eine etwas wie »Komische Typen gibt’s«, und die andere lachte.
Sie entfernten sich ein paar Schritte, doch ich konnte sie immer noch reden hören – Deutsch reden hören. Ich wollte gerade nach Steinen suchen, um die dämlichen Ziegen damit zu bewerfen, da sah ich durch die Glastür, dass gerade die Nummer 508 aufgerufen wurde. Meine zuständige Sachbearbeiterin schien trotz ihrer offensichtlichen Aversion gegen ihren Job und ihre schier unglaubliche Körperfülle der Fleiß in Person zu sein. Schnell trat ich meine halb gerauchte Zigarette aus und eilte zurück.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch?

Gute Frage. Zum Beispiel um Dinge, die nachts am Hafen passieren können:

»ICH BIN HILO!«
Ein Schrei riss mich aus meiner drogen- und alkoholinduzierten Lethargie.
»Ich bin hilo!« Marian stand mit erhobenen Armen und weit gespreizten Fingern am Strand, direkt an der Wasserlinie, das Gesicht uns ab- und dem Meer zugewandt, hinter dem die Sonne gerade zaghafte erste Strahlen über den Horizont schob. Seine Hose hatte er in der Zwischenzeit wieder angezogen, was mich aus irgendwelchen Gründen ungemein beruhigte. Wie wir zurück an den Strand gekommen waren, wusste ich nicht. Ich bezweifelte, dass die anderen eine Ahnung hatten. Ich war nass.
»Hilo«, schob er kläglich hinterher.
»Like a halo in reverse«, grölte Pit und rollte sich auf die Seite. »Halo? Du bist halo? Wie geht das denn?«, fragte er interessiert.
»Was?« Verwirrt drehte Marian sich um und ließ dabei die Arme sinken.
»Hilo«, berichtigte ich kichernd und wankte zu Marian, »hilflos, Mann, der kleine Marian möchte aus dem Spielparadies abgeholt werden. Komm her, ich helfe dir.«
Marian ergriff meine beiden Hände und schaute mich verschwörerisch an. »Bring mich irgendwo hin, wo ich scheißen kann«, flehte er.
Pit kugelte sich vor Lachen und auch ich konnte mich kaum noch beherrschen, meine Knie gaben nach und ich zog Marian zu mir herunter.
»Ich mein’s ernst! Es tut weh!«, jammerte er und holte mich wieder auf die Füße.
»Okay«, stammelte ich zwischen zwei Lachanfällen. »Okay, wir gehen scheißen, kein Problem. Komm einfach mit.«
Ich zog ihn hinter mir her, vergewisserte mich, dass Pit uns ebenfalls folgte und trottete mit den beiden zu den öffentlichen Toiletten am alten Hafen.

Mehr in den nächsten Tagen oder eben in dem wunderschönen Buch!