Der Fernseher – Pt. II

Als Hank nach einer schmerzmittel-induziert regelrecht komatösen Nacht am nächsten Morgen an sein Fenster trat, um den Tag rauchend zu begrüßen, traf ihn fast der Schlag: Unten stand der Fernseher.
Das verfluchte Ding war irgendwie zurückgekommen. Hank konnte es nicht fassen, das war doch unmöglich!
Er wollte runterrennen, sich überzeugen, dass es real war, dass das Ding tatsächlich wieder dort abgestellt worden war, statt auf der Müllkippe seiner Zerlegung zu harren. Doch sein Gipsfuß unterband solch spontane Aktionen.
Also tat er das Nächstbeste und rief bei der Stadtverwaltung an, um sich erneut zu beschweren.
Der Dame, die seinen Anruf entgegennahm, war das nicht besonders unangenehm. Im Gegenteil tat sie in bester Stadtverwaltungs-Manier vollkommen unbeteiligt und uninteressiert.

(Ist das bei denen Einstellungsvoraussetzung? Lernen sie es vielleicht in einem Workshop?, dachte Hank.)

»Wenn jemand das Ding mitgenommen hat, um es auszuprobieren, können unsere Mitarbeiter nun mal nichts machen. Wir suchen schließlich nicht die ganze Nachbarschaft nach Ihrem Müll ab.« Sie kaute unangenehm laut auf einem Kaugummi herum. »Jetzt isser halt wieder da, dann schicken wir eben noch mal jemanden. Hilft ja nix.«
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, ließ sie eine Kaugummiblase in den Hörer platzen. Ekel schüttelte Hank.

»Machen Sie das«, murmelte er, ein bisschen verdattert von der unbekümmerten Frechheit der jungen Angestellten.
Anschließend rief er seinen Chef an und teilte ihm mit, dass er vorerst zwei Wochen krank geschrieben war. Den wahren Grund für seinen gebrochenen Fuß wollte er nicht nennen, also erzählte er etwas von einem Fahrradunfall und der berühmten Verkettung unglücklicher Umstände. Sein Chef war erwartungsgemäß nicht sehr erfreut über den Ausfall, nahm aber hin, was nicht zu ändern war.

Nachdem die Telefonate erledigt waren, überlegte Hank, was er mit dem Tag anfangen sollte. Eine Frage, die der schmerzende Fuß beantwortete: Er legte sich auf die Couch, bettete das linke Bein auf einige Kissen und schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken, bis es Zeit für die nächste Dosis Schmerztabletten war.
Das Programm war wie zu erwarten unterirdisch. Nachdem er sich eine Stunde lang durch langweilige Rateshows, Kochsendungen und Boulvard-Magazine gezappt hatte, gab er es auf und ließ einfach die x-te Wiederholung eines alten Fernsehkrimis laufen. Neben der Couch stapelten sich die Nachrichtenmagazine, die er abonniert hatte. Meistens hatte er nur Zeit, sie kurz durchzublättern und interessante Artikel zu überfliegen. Jetzt waren sie ihm willkommen.
Während des Lesens wurden seine Augen schwerer und schwerer, und da er sowieso nichts zu tun hatte, wehrte sich Hank nicht gegen das Einschlafen.

Statt in erholsamer Schwärze oder einer angenehmen Traumwelt, fand sich Hank neben dem Fernseher vor seinem Haus wieder. Starr vor Entsetzen blickte er in die dunkle Mattscheibe, auf der jetzt ganz eindeutig etwas zu sehen war; verworrene, unscharfe Bilder grässlicher Szenen. Männer, die sich zu ihm zu beugen schienen und mit langen, krallenbewehrten Fingern auf ihn deuteten, ihn mit kleinen schwarzen Augen eindringlich musterten und sich dann einander zuwandten, um stumm miteinander zu diskutieren. Er sah ihre Münder, die sich unnatürlich weit öffneten, graue Zähne mit rötlichen und braunen Flecken. Dann Frauen in absurden Kostümierungen mit nackten Brüsten und Hintern, die wild tanzten, als seien sie in Ekstase. Immer wieder beugten auch sie sich lachend zur Kamera und streckten lange Zungen heraus, kamen mit jeder tänzelnden Drehung näher an Hanks Gesicht, als wollten sie ihn ablecken. Die Zungen, erst rosige, verführerische Frauenzungen, wurden dicker, fleischiger und dunkler.
Eine üppige Blondine mit fettglänzendem Lippenstift tänzelte debil grinsend auf die Kamera zu. Ihre großen Brüste wogten bei jedem Schritt und sie warf ihre breite Hüfte übertrieben von Seite zu Seite – eine Bewegung, die vermutlich neckisch und sexy wirken sollte, aber durch das verkürzte linke Bein der Frau einfach nur wie ein gespieltes Hinken wirkte. Sie streckte Hände mit knallrot manikürten Fingernägeln nach Hank aus, der instinktiv zurückweichen wollte. Dabei bemerkte er mit Entsetzen, dass er nicht vor Schreck wie gelähmt war, sondern sich tatsächlich nicht bewegen konnte. Er konnte nur wie gefroren auf dem Boden vor dem Fernseher liegen und mit angstgeweiteten Augen den schrecklichen Film verfolgen, der darauf ablief. Die Blondine öffnete den Mund, formte ein erschrocken aussehendes »O«, lachte dann wieder und leckte in Zeitlupe über den Bildschirm. Ihre Zunge näherte sich wie ein dicker Wurm, dunkelbraun und voller riesiger Warzen. Auf einigen davon entdeckte Hank sogar schwarze, borstige Haare. Ein grünlicher Schleim bedeckte die Oberfläche und troff wie Speichel herab. Dann berührte dieses ekelhafte Ding die Kamera und das Bild wurde dunkel und blieb es auch.

Hank spürte warme Nässe auf seinem Gesicht, ein rauer Lappen, der über seine Wange, seine Nase und seine Stirn fuhr und sich dann in seinen Mund drängeln wollte. Galle stieg sauer und schmerzhaft in seiner Kehle auf, doch er presste die Lippen fest zusammen, um der widerlichen Zunge keinen Einlass zu gewähren.
Plötzlich war die Empfindung weg und Hank saß auf einem alten Stuhl. Überrascht blickte er sich um. Er war immer noch auf dem Rasen vor seinem Haus, dem Grünstreifen zwischen Grundstück und Straße, der der Stadt gehörte. Der Fernseher stand ein paar Meter vor ihm auf dem Gras, reglos und dunkel.
Hank schaute nach unten und erkannte den Stuhl als den grob gezimmerten Holzsessel, der immer im Haus seines Großvaters neben dem Ofen in der Küche gestanden hatte. Er konnte den Qualm der Zigarren riechen, die sein Großvater geraucht hatte, und das Brutzeln von Eiern hören, die der alte Mann an jedem Morgen direkt auf die Eisenplatte des Küchenofens geschlagen hatte. Sein Großvater hatte jeden Tag mit einer Wanderung zu seinem Hühnerstall am anderen Ende des Dorfes begonnen, den Hennen ihre Eier weggenommen und zwei davon nach seiner Rückkehr auf dem rußigen, verschmierten Ofen gebraten. Wenn sie fertig waren – unten schwarz von der Hitze des Feuers, oben noch roh und flüssig – hatte er sie mit einem metallenen Bratenwender abgekratzt und auf eine Scheibe Brot geschmiert.
Das dritte Ei hatte er immer angestochen und roh getrunken.
Hank hatte es gehasst, bei seinem Großvater sein zu müssen. Seine Mutter zum Glück auch, und so hatten sie den alten Mann immer nur an einem Wochenende im Jahr besucht, drei Tage kurz vor Ostern, bis er vor zwanzig Jahren endlich gestorben war.
Neben dem Fernseher hielt ein schwarzer Lieferwagen ohne Aufschrift. Fahrer- und Beifahrertür wurden genau gleichzeitig aufgestoßen, als hätten die Insassen diese Performance lange geübt, dann stiegen zwei große, extrem dünne Männer aus. Der eine trug eine lilafarbene Lockenperücke, die ihm bis zum knochigen Hintern reichte, der andere war vollständig kahl. Ihre Köpfe waren enorm, wie Wasserköpfe, und ihre Gesichter flach und nur schwach konturiert. Es fiel Hank schwer, sie anzusehen.
Die beiden Männer wankten zum Fernseher und schienen wild gestikulierend zu diskutieren, was nun zu tun sei. Hank verstand kein Wort, sie unterhielten sich in irgendeiner exotischen Sprache, die er garantiert noch niemals gehört hatte. Ihre Bewegungen wirkten eckig und abgehackt, so als würde Hank nur jede dritte oder vierte Sekunde davon sehen können. Nach einigen Minuten schulterte der Perückenmann den Fernseher, als würde er nichts wiegen und die beiden Männer standen einfach nur da und sahen Hank mit schief gelegten Köpfen an.
Eiskaltes Grauen kroch ihm über den ganzen Körper. Er wusste – nicht ahnte, nicht fürchtete, nein, er wusste – dass diese beiden Männer ihn töten würden. Wenn sie gleich in ihrem merkwürdig abgehackten Gang auf ihn zukommen und in viel zu kurzer Zeit die wenigen Meter zu ihm überwinden würden, wäre es mit ihm vorbei. Sein Herz raste, Schweiß lief aus seinen Poren, als wäre er ein Springbrunnen.
Hank kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf ab.

Schreiend wachte er auf dem Boden vor der Couch auf.
Sein Shirt klebte nass an seinem Rücken, sein linker Fuß lag verdreht unter dem rechten Bein und wenn ihn nicht der Sturz geweckt hätte, der Schmerz unter dem Gips hätte es auf jeden Fall getan.
Stöhnend sortierte Hank seine Gliedmaßen und wuchtete sich erneut auf das Polster, um den Fuß wieder hochlegen zu können. Zum Glück hatte er die Packung mit seinen Schmerzmitteln in der Hemdtasche. Er nahm gleich zwei Tabletten und spülte sie mit einem Glas Wasser aus der Karaffe auf dem Couchtisch runter.
Dann sank er zurück, erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, dass er noch lebte, dass ihm nichts Schlimmeres zugestoßen war als ein gebrochener Fuß von einer dummen Aktion mit einem Stück wilden Mülls. Sein Herz raste immer noch, der Schweiß lief immer noch, aber Hank wusste, es würde sich alles beruhigen.
Alles würde gut werden.
Dann hörte er das Auto. Ein Wagen schien vor dem Haus zu halten, was an sich nicht ungewöhnlich war, denn an der Kreuzung am nahen Ende der Straße musste man anderen Fahrzeugen die Vorfahrt lassen. Doch als der Wagen minutenlang keine Anstalten machte, weiterzufahren, wurde Hank neugierig. Vielleicht waren es die Typen von der Stadt, die den verfluchten Fernseher endlich wegschaffen würden.
Trotz seiner Schmerzen – auch das angeknackste Steißbein hatte ihm den Sturz von der Couch übelgenommen – humpelte er zum Fenster.

Zum zweiten Mal an diesem Tag fiel er vor Schreck fast in Ohnmacht: Vor dem Haus stand ein schwarzer Lieferwagen ohne Aufschrift, genau wie in seinem grauenhaften Albtraum. Die Türen standen bereits offen, die Insassen schickten sich gerade an, auszusteigen.

(Warum waren sie so lange bei laufendem Motor sitzen geblieben? Sollte er etwa sehen, wie sie ausstiegen? Hank schwitzte wieder stärker.)

Dann überkam ihn Erleichterung, als zwei junge Männer in Uniformen der Stadtreinigung aus dem Führerhaus sprangen und forsch auf den Fernseher zugingen. Der eine packte das Gerät, während der andere die hinteren Türen des Lieferwagens öffnete. Kaum eine Minute später war der Fernseher verladen und die beiden Männer steckten sich Zigaretten an.
Hank empfand das als gute Idee, öffnete das Fenster, und rauchte ebenfalls.
Endlich war diese Farce vorbei, der Müll weg, sein Leben wieder normal. Bis auf den Fuß, der ihm allerdings zumindest unfreiwillige Ferien beschert hatte. Hank lachte ein wenig in sich hinein. Als die Kerle unten fertig waren, in ihren Lieferwagen stiegen und wegfuhren, drückte auch Hank seine Kippe aus und nahm sich auf dem Rückweg zur Couch noch ein paar DVDs aus dem Regal.

Nach diversen Actionfilmen, die er lange nicht mehr gesehen hatte, verspürte Hank Hunger und bestellte sich eine Pizza. Als der Lieferant klingelte, hörte Hank es unten im Treppenhaus scheppern und dann einen herzhaften Fluch. Neugierig lehnte er sich über das Geländer, konnte aber nichts erkennen. Der Pizzamann kam wütend die Stufen hinaufgestürmt.
»Was ist denn mit Ihnen los?«, fragte Hank den Jungen.
»Ach, da hat irgend so ein Idiot einen riesigen Fernseher unten neben die Tür gestellt. Die Tür ging nicht ganz auf und ich bin voll dagegen gelaufen. Sie wissen doch, wie das ist, Mann: Wir haben es immer eilig. 30-Minuten-Garantie und so.«
Hank hatte nach dem ersten Satz nicht mehr richtig zugehört. Er war vor Angst erstarrt. Ein Fernseher? Im Treppenhaus? Aber er hatte doch gesehen, wie das Ding abgeholt worden war. Der Fernseher war weg!
»Was für einen Fernseher?«, stammelte er.
»Na, ’n Fernseher halt. So ’n altes Dreckding mit Röhre, riesengroß, aber ’n winziger Bildschirm. Mann, von wegen, gute alte Zeit, was? Muss echt scheiße gewesen sein, auf so ’nem Briefmarkenschirm Pornos zu gucken.« Er lachte dreckig und drückte Hank die Pizza in die Hand. »Macht 8,60.«
Hank reichte dem Jungen zwei Scheine und winkte ab, als der nach Wechselgeld kramte.
»Danke, Mann. Aber echt, jemand sollte dafür sorgen, dass das Ding da weggeräumt wird. Is’ ja lebensgefährlich, wie das da steht.«
Damit sprang er schon wieder die Treppen runter und verschwand, nicht ohne vorher nochmals laut zu fluchen.
Hank stand noch bewegungslos im Treppenhaus, als er unten die Haustür ins Schloss fallen und den Motorroller des Lieferanten starten hörte.
Der Fernseher war zurück? Das war doch unmöglich. Es musste ein anderer sein.
Vielleicht hatte ja einer seiner Nachbarn den Müll vor dem Haus gesehen, sich erinnert, ebenfalls noch ein Gerät im Keller zu haben und dann beschlossen, es auf dieselbe Weise zu entsorgen. Hank kehrte wie in Trance in seine Wohnung zurück, legte den Pizzakarton auf die Couch und ging ans Fenster. Die Grünfläche war leer. Im Licht der Straßenlaternen konnte er noch die Flecken erkennen, die der Fernseher so rasch ins Gras gepresst hatte.
Es nutzte nichts, er würde nachsehen müssen. Das wusste er so sicher, wie er wusste, dass er nicht nachsehen wollte. Alles in ihm wehrte sich dagegen, den langen, schmerzhaften Weg über die Treppe anzutreten. Und alles in ihm wehrte sich dagegen, unten womöglich das Unfassbare zu erblicken. Wenn das geschah, würde er augenblicklich den Verstand verlieren.

Hank nahm noch zwei Schmerztabletten und schlurfte dann aus dem zweiten Stock ins Erdgeschoss. Mit jeder Stufe wurde er langsamer, zögerlicher. Er wollte sich einreden, dass das an den Schmerzen lag, aber im Grunde war ihm klar, dass er einfach nur Angst hatte. Er hatte so richtig Schiss. Vor der letzten Biegung der Treppe hielt er inne.
Wenn er da rum war, würde er die Haustür sehen können. Und vor der Haustür würde der Fernseher stehen und ihm den Fluchtweg blockieren. Das Ding hatte ihm eine Falle gestellt, und er war drauf und dran, genau hineinzutappen …
Hank riss sich zusammen und tat einen Schritt. Dann noch einen. Noch einen. Er schloss die Augen und schlurfte wie in Zeitlupe um die Biegung der Treppe. Noch ein mal tief einatmen, dann die Augen öffnen. Er atmete tief ein. Er hielt die Augen geschlossen.
Aber was, wenn der Fernseher nicht mehr vor der Tür stand? Was, wenn der Fernseher nicht nur irgendwie die Tür geöffnet hatte, um ins Haus zu gelangen, sondern auch die Treppe erklimmen konnte?
Was, wenn der Fernseher bereits direkt vor ihm stand?
Entsetzt riss Hank die Augen auf und blickte sich hastig um. Nichts. Kein Fernseher, weder vor ihm auf den Stufen noch vor der Haustür.
Er runzelte verwirrt die Stirn. Vielleicht hatte er ja nicht wirklich erwartet, den Fernseher zu sehen, der ihm den Fuß gebrochen hatte. Aber zumindest mit irgendeinem Fernseher hatte er schon gerechnet. Warum sollte der Pizzabote so was erzählen, wenn es nicht stimmte?
Vielleicht, so überlegte Hank, während er sich wieder die Treppe nach oben schleppte, vielleicht hatte ja wirklich ein Nachbar einen Fernseher entsorgen wollen und ihn nur kurz im Flur abgestellt, um die Kellertür wieder zu verschließen oder ans Telefon zu gehen oder eine Pause einzulegen oder so. Dann war der unglückliche Pizzabote dagegen gelaufen und wieder gegangen, und der Nachbar war zurückgekehrt, um seine Arbeit zu vollenden und den Elektroschrott nach draußen zu stellen.
Oben angekommen humpelte er ans Fenster. Der Rasen vor dem Haus war immer noch leer. Niemand hatte irgendetwas abgestellt.
Dann eben nicht, dachte Hank frustriert, hat der blöde Nachbar das Scheißteil halt doch wieder in den Keller geräumt oder Blumen reingepflanzt oder es im Hinterhof zertrümmert. Mir doch egal.

Er setzte sich trotzig auf die Couch, bettete den Fuß wieder auf den Kissenberg und verschlang hungrig seine Pizza.
Als er das nächste Mal aufwachte, war es mitten in der Nacht und stockdunkel. Kurz nahm er an, dass ihn der Fernseher geweckt haben könnte, als der sich abgeschaltet hatte. Er hatte, nachdem er seine Pizza gegessen, noch zwei nervöse Zigaretten mit festem Blick auf den Grünstreifen vor dem Haus geraucht und sich wieder auf der Couch eingerichtet hatte, den Timer des Fernsehers aktiviert, damit er nicht die ganze Nacht lief.
Es war durchaus schon vorgekommen, dass er wegen der plötzlichen Stille und Dunkelheit aufgewacht war, wenn er vor der Glotze geschlafen und der Timer seinen Job gemacht hatte.
Als er auf die Uhr sah, stellte er allerdings fest, dass es bereits drei Uhr morgens war. Er war wenigstens zwei Stunden weg gewesen und der Timer stand bei ihm immer auf 60 Minuten. Einen Moment lang lauschte er in die Stille. Es war alles ruhig, nur ein Kauz rief in der Ferne. Dann hörte er doch etwas, ein Schaben und Kratzen. Es schien aus der Diele zu kommen.

Sofort war er in Alarmbereitschaft. Die Türen im Haus waren dünn, die Schlösser alt und simpel. Ein Einbrecher hätte leichtes Spiel, das war ihm schon beim Einzug klar gewesen. Womöglich war es heute Nacht soweit – zum Glück schlief er wegen seines Fußes im Wohnzimmer; vom Schlafzimmer aus hätte er das Gefummel an der Tür keinesfalls gehört. So leise, wie ihm das in seinem Zustand möglich war, stand er von der Couch auf und schlich in die Küche. Dort hatte er eine große, schwere Stabtaschenlampe, eine Maglite-Kopie. Er schirmte das Licht mit der Hand ab, als er sie ausprobierte. Vermutlich würde er sie sowieso nur als Waffe einsetzen, wenn das nötig wurde. Angeblich hauten Einbrecher oft ab, wenn sie sich in Gefahr sahen, auf frischer Tat ertappt zu werden.
Das würde er heute herausfinden.
Immer noch leise und vorsichtig schlich er zur Tür. Das Schaben war in der Tat lauter hier, es machte sich eindeutig jemand an der Tür zu schaffen.

Hank blieb stehen und überlegte, wie er am besten vorgehen sollte. Einfach die Tür aufreißen und den Einbrecher anbrüllen? Aber wenn der Kerl eine Waffe hatte, würde er Hank vielleicht vor lauter Schreck sofort angreifen. Warten, bis sich die Tür öffnete, und sie dann zuhalten? Das klang ja schon bescheuert.
Er entschied sich dafür, den Kerl zu warnen. Aber erst würde er die Polizei anrufen. Das war seines Erachtens der Fehler, den die Leute in Filmen immer machten: Sie wollten selbst aktiv werden, das Problem allein lösen, und brachten sich damit in große Gefahr. Also humpelte er ins Schlafzimmer, das am weitesten von der Wohnungstür entfernt war, und benutzte das dortige Telefon. Als er seinen Notruf abgesetzt hatte, humpelte er zurück und sprach den Einbrecher an.
»Hey! Hören Sie sofort auf, was auch immer Sie tun! Ich habe die Polizei gerufen, sie wird gleich hier sein. Sie haben keine Chance, Mann, selbst wenn Sie gleich abhauen. Trotzdem würde ich das begrüßen«, stotterte er und kam sich unendlich dämlich vor.
Auf der anderen Seite der Tür hörte das Geräusch kurz auf, begann dann aber wieder, dieses Mal an einer anderen Stelle. War der Typ taub?
»Hey! Ich hab doch gesagt, Sie sollen aufhören und abhauen! Die Polizei ist unterwegs!«
Wer auch immer sich an Hanks Tür zu schaffen machte, ließ sich von seiner Warnung nicht beeindrucken. Das Schaben und Kratzen schien sich eher zu verstärken. Jetzt wurde er noch nervöser. Sollte er die Tür öffnen und es auf einen Kampf ankommen lassen? Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet und mit einem gebrochenen Fuß, schmerzendem Steiß und vom Schmerzmittel vernebelten Kopf?
Da fiel ihm der Fernseher wieder ein und ihm wurde kalt.
Langsam streckte er eine zitternde Hand nach der Türklinke aus, drückte sie vorsichtig nieder und riss dann die Tür weit auf.
Kein Einbrecher.
Kein Schaben mehr.

Der Fernseher.

Er stand groß und breit mitten in der Tür und grinste Hank an. Dämmerlicht von der Straßenlaterne vor dem Haus erhellte die Treppe, wenn auch unzureichend. Hank wich zurück. Der Fernseher tat nichts.
Hank hob die Taschenlampe. Der Fernseher grinste nur weiter vor sich hin.
Hank schmetterte die schwere Lampe gegen den Bildschirm, der sofort klirrend zersprang.
Sonst geschah nichts.
Wieder ging Hank einen Schritt zurück. Was sollte er tun? Das war doch verrückt. Er wurde verrückt. Dieser Fernseher verfolgte ihn, jetzt konnte er es nicht mehr leugnen.
Einem Impuls folgend, dessen mangelnde Logik und himmelschreiende Dummheit ihm noch während der Ausführung bewusst wurde, nahm Hank, so gut es der Gips zuließ, Anlauf und übersprang den Fernseher. Er wollte nach unten fliehen und weglaufen, so weit es ging weg von hier und weg von diesem vermaledeiten Höllengerät.
Noch in der Luft merkte er, dass er das linke Bein nicht hoch genug anheben konnte. Der Gips stieß bald auf Widerstand – er blieb am Fernseher hängen. Hank ruderte wild mit den Armen, suchte verzweifelt einen Halt, verfehlte das Treppengeländer, schwebte auf einmal in der Waagerechten über der Treppe und konnte dann nur noch mit schreckgeweiteten Augen zusehen, wie er fiel, fiel, fiel und die Stufen immer näher kamen.
Dann prallte er hart auf, überschlug sich einmal, noch mal, landete unglücklich auf dem Treppenabsatz, fiel weiter, die nächste Treppe hinab, und dann wurde alles schwarz.

Die Autorin unterwegs – mit Geschichten von unterwegs

Am Samstag, den 21. Januar 2017 darf ich zusammen mit meiner lieben Kollegin Paula Kemp in Düsseldorf Dinge vorlesen: Geschichten von unterwegs – Marokko-Roadtrip meets Genua-Ennui in Shari’s Kitchen in der Collenbachstraße 41.

Direkt im Anschluss geht es weiter nach Mönchengladbach, wo am 22. Januar Paula, Marlies Weißbrich und ich mehr Geschichten von unterwegs zum Besten geben – zusätzlich zu Marokko & Genua dürft ihr dann auch den Jakobsweg erforschen. Im Ladenlokal in der Eickener Straße 41, Beginn 20 Uhr.

Über das neue Jahr

Jahreswechsel scheinen den Menschen ein wenig auf die Nerven zu gehen. Zumindest in meiner persönlichen Filterblase tummeln sich mehr Leute, die sich über das angenommene Rekapitulieren der vergangenen Monate durch ihre Mitmenschen echauffieren, als Leute, die tatsächlich genau diese Rekapitulation betreiben.
Ich finde das schade, denn ich mag Symbole, ich mag Rückblicke. Ich mag es, einen Tag zu erleben und mir auch zu gönnen, an dem ich nachsehe, was so alles war und hätte sein können und jetzt ist und vielleicht werden wird.

(»Was vielleicht werden wird« ist dabei übrigens mein Liebling, mein »Happy Place«, wenn ich nicht schlafen kann und das [nicht völlig zu Unrecht] viel gepriesene »Jetzt« schlicht kacke ist.)

Der letzte Tag des Jahres ist aus verschiedenen Gründen gut geeignet, dieser Neigung nachzugeben: Ich muss gemeinhin nicht arbeiten, die Stadt ist meist kalt, leer und ruhig, und alles bereitet sich auf einen schönen Abend mit Freunden vor.

(Heute bin ich zudem ein wenig kränklich, was mir immer als Ausrede dient, noch intensiver auf der Couch herumzuhängen, als ich das ohnehin tue.)

In der Vergangenheit hatte ich zum Glück häufig die Gelegenheit, diesen Tag mit Freunden zu begehen, bei festivalartigen Zusammenkünften über mehrere Tage. Wir gingen gemeinsam einkaufen, kochten mit tatkräftiger Unterstützung diverser Flaschen Wein, aßen, unternahmen Spaziergänge, spielten Partyspiele, aßen, hörten Musik, sahen Filme, aßen, teilten, was uns das Jahr über widerfahren war, aßen, tranken, aßen, purzelten übereinander, aßen, und um Mitternacht lagen wir uns in den Armen und freuten uns, dass wir einander kennen durften. Am nächsten Tag saßen wir mehr oder weniger verkatert in der Sauna und begannen das neue Jahr friedlich und aufgeräumt, ehe wir noch mehr aßen.

Nach diesen Tagen wieder nach Hause zu fahren, war immer einigermaßen hart.
Jetzt daran zu denken, dass es so bald keine dieser Jahresendzusammenkünfte mehr geben wird, ist noch härter.

Doch das hat nur am Rande mit 2016 zu tun; eigentlich nur insofern, als mein 2016 geprägt war von Erinnerungen an meine Freunde und meine Vergangenheit und all die Dinge, die so nicht wieder stattfinden werden, zumindest nicht in absehbarer Zukunft.
Das klingt dramatisch, als wären alle tot oder so. Dem ist natürlich nicht so, ich bin einfach nur umgezogen, das erste Mal in meinem Leben dauerhaft weg von daheim. Ich kam nicht mal besonders weit, gerade weit genug, dass ich mir ein neues Umfeld suchen und meine Zeit anders planen muss. Eine Umstellung, die gerade groß genug ist, dass sich alles anders und neu anfühlt und ich mich oft einsam.

Das wird sich vermutlich im Laufe des nächsten Jahres ändern, denn dieses Mal gibt es Vorsätze im Hause Turini!

Die Veränderungen der nahen Vergangenheit waren krass: Viele Menschen sind nicht mehr da, oder geografisch weit weg, oder emotional weit weg. Dafür sind zahlreiche neue Menschen in mein Leben getreten, mit einem davon habe ich mich sogar verlobt. Meine berufliche Situation ist völlig anders als früher, der Aufbau meiner freiberuflichen Tätigkeit hat Zeit, Geld und Nerven gekostet – zum Glück aber auch Zeit, Geld und Glück gebracht.
Jetzt will ich in aller Ruhe ausbauen, was ich angefangen habe & mich auf das zurückziehen, was ich kann und mag. Große Veränderungen oder wahnwitzige Pläne werde ich 2017 einfach mal nicht machen. Ich wünsche mir ruhiges Fahrwasser, will ein klein wenig Stabilität in mein Leben bringen und die neuen Beziehungen vertiefen.

Klingt langweilig, und vielleicht wird es das manchmal auch werden, aber es ist notwendig: Ankommen ist die Devise für die zwölf Monate, die vor mir liegen.

Was auch immer ihr euch alle vornehmt oder erhofft, ich erhebe mein Glas (und heute Abend wird es zahlreiche Gläser geben, die ich zu erheben gedenke) & proste euch zu & wünsche euch, dass es klappt.

Über das Schaffen

»Ich habe eine Wassermelone getragen!«*
Schön wär’s. Könnte ich jetzt gar nicht mehr. Ich habe nämlich etwas anderes getragen.

Eine Küche.

Es gibt Leute, die jedem, der es hören will (oder auch nicht) gerne erzählen, dass es total klasse ist, wenn man seine Grenzen auslotet und sich selber überwindet. Sport soll schmerzen, Berge erklimmen macht Spaß und nächtelang wachbleiben high, zwölf gebratene Schweine kann man durchaus mal essen, auch wenn man dann kotzen muss.

Der Mann und ich können also auch ne Küche in die Wohnung schleppen.

Angeblich ist es im Anschluss mehr als befriedigend, das Geschaffte zu betrachten und sich klarzumachen, dass MAN DAS SELBER WAR! GANZ ALLEIN! WOW!

Der Mann und ich haben geschwitzt, gelitten, geflucht und es letzten Endes tatsächlich geschafft.

Haben wir uns selber überwunden?
Ich auf jeden Fall.

Haben wir weitergemacht, obwohl wir nicht mehr konnten?
Jupp.

War es hochgradig befriedigend, als alles geschafft war?
Nein.
Es hat wehgetan.

Würde ich es wieder tun?
Auf keinen Fall, niemals, um keinen Preis.

Was bleibt, ist eine schiefe, unfertige, nur halb-gemütliche Küche und Schmerz.
Seit Tagen sitzt er in meinem Rücken. Erbärmlich. Irrsinnig. Er brüllt mich bei jeder Bewegung an. »Turini, verdammte Scheiße! Was hast du dir dabei schon wieder gedacht?« Ich brülle dann zurück, dass ich doch einfach nur ne Küche wollte, nen Herd und ne Spüle und ein paar Schränke für Töpfe, damit ich endlich aufhören kann, Fertigsuppen aufzugießen.

Vielleicht werden die Schmerzen dereinst verblassen, Herr Gaffory und ich werden alt und runzlig in unseren Lehnstühlen sitzen, und er wird sagen »Weißt du noch, unsere erste gemeinsame Wohnung? Die in Mühlburg, mit der beschissenen Küche, die du so gehasst hast?«
Und ich werde milde lächelnd mein Strickzeug sinken lassen und sagen »Ja, ich erinnere mich. Das war lustig.«
Dann werden wir seufzen und uns an dem Gedanken erfreuen, dass wir mal selbständig waren und stark und in der Lage, uns zu überwinden und eine verfickte Küche in den zweiten Stock zu schleppen, zu zweit, stundenlang.

Vielleicht aber auch nicht.

*Der / die Erste, der / die mir den Film nennt, aus dem dieses Zitat stammt, bekommt ein signiertes Exemplar meines neuen Buches »Kopf hoch, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne«. Echt jetzt! Mail an: Simona [ät] lektorat-turini [punkt] de

Alles neu

Auf ein ruhiges Jahresende folgte ein chaotischer Jahresbeginn – ich lebe jetzt endlich mit Herrn Gaffory in Karlsruhe & richte mich hier nach & nach ein.

Trotzdem wird es ein neues Buch geben, nämlich „Kopf hoch, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne“, das hoffentlich und mit viel Daumendrücken zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird.

Wer es dann in die Hand nehmen, es bewundern und darin blättern will, ist gerne eingeladen. Der Stand des Amrûn Verlags ist wieder in Halle 2 K308 – direkt neben der Fantasy-Leseinsel.

Vermutlich schleiche ich immer mal wieder dort herum, denn mir wurde Schnaps versprochen. Aber am Freitag von 13 bis 14 Uhr bin ich ganz offiziell und auf jeden Fall dort, zum Meet & Greet zusammen mit meinen lieben Kolleginnen Faye Hell & Claudia Rapp.

Wir sehen uns in Leipzig!

Neuer Job, neue Homepage

Heute habe ich mich endlich mal mit meiner neuen Homepage für den Lektoratsbereich beschäftigt — das Lektorat Turini öffnet offiziell die Pforten und freut sich über viele Fans, Kunden und wohlgesonnene Mäzene, denen das Geld locker sitzt.

Wer also selbst eine fähige Lektorin braucht oder einen aufstrebenden Autor kennt, der von entsprechenden Angeboten profitieren könnte, darf sich gerne bei mir melden: simona@lektorat-turini.de

Hier in Zukunft nur noch Blut, Hirn, Tod & emotionale Abfallprodukte. So mögen wir das!

Von der Einsamkeit

Gatsby steht mit einem Glas Whisky auf seiner Terasse, als Nick Caraway zu ihm kommt.

Ich stand monatelang allein auf meinem Balkon und betrank mich ruhig und stetig, und niemand kam.

Das ist das Problem mit der Einsamkeit: Um sie darstellen zu können braucht es andere Menschen, Beobachter. Aber in der Realität ist man eben einfach einsam.