Unselige Uhrzeiten

Irgendein Geräusch in diesem merkwürdigen Haus hat mich geweckt.
Irgendein Geräusch oder einer meiner wirren Träume.
Stockdunkel ist es. Die dreckigen Plastikvorhänge schließen dicht und auch draußen mag es noch dunkel sein, in diesem Dorf mit seinen schlechten Restaurants und einfallslosen Bauten und viel zu wenig Landschaft, die die öden Straßen einrahmt.
Mit trockenem Mund wälze ich mich herum. Das Bett ist schmal, zu schmal, fast rutscht die dicke Decke zu Boden. Ich rette sie vor dem Absturz und kuschle mich ein.
Müdigkeit hemmt meine Bewegungen und meinen Geist. Ich blinzle in die Nacht und blicke in rote Augen. Kurz denke ich an irgendein LED-Licht, ein Gerät nahe der Außenwand des deprimierenden Zimmers. Aber da steht nichts, das weiß ich, da steht nur der Schrank, in den ich tags meinen Koffer gepackt habe. Gepäck rein, Tür zu, ein Bier aus der Minibar in dem schäbigen Sessel, eine rasche Dusche, ab zum Termin. So lief das ab.
Es steht kein Wecker auf dem Schrank. Keine Uhr.
Also doch Augen statt LEDs.
Ich habe nicht daran gedacht, meine Augen einfach wieder zu schließen und weiterzuschlafen. Sie sind noch offen, schauen noch, gewöhnen sich mehr und mehr an das Dunkel.
Augen, rot, wie kleine Lichter, drum herum eine Gestalt, etwas dunkler als die umgebende Nacht.
Nah.
Die Gestalt kauert auf dem Bett neben meinem, dem überflüssigen, einen halben Meter nur entfernt. Reglos. Sie schaut nur, die Gestalt.
Habe ich jemanden mitgenommen? Einen Kollegen überredet, nicht nach Hause zu fahren, lieber noch ein Bier zu trinken und auf ein Gespräch zu bleiben? Nein, auf keinen Fall – der Tag war lang, ich irgendwann müde. Ich bin alleine ins Hotel gegangen, habe alleine meine Kleider abgelegt, mich gewaschen und ein Glas Wasser getrunken. Und ganz sicher bin ich anschließend allein ins Bett gegangen, habe den Tag Revue passieren lassen, bin eingeschlafen.
Trotzdem sitzt da wer und guckt.
Rot.
Leuchtend.
Der LED-Wecker-Dämon aus den Tiefen der Hölle? Eher nicht: Die Folter des zu frühen Aufstehens läutet traditionell mein Handy ein.
Kurz erwäge ich, Licht zu machen, um die Kreatur genauer sehen zu können. Den Sukkubus zu vertreiben. Oder auch sehen zu können, dass da gar nichts sitzt, nichts kauert und guckt. Vielleicht noch ein Glas Wasser trinken und wieder schlafen.
Da hat mein träges Hirn aber schon entschieden, dass mehr Schlaf die bessere Variante ist und meinen Lidern den Befehl erteilt, sich zu senken.
Gleich bin ich wieder eingekuschelt, warm und schwer. Gleich werde ich wieder schlafen, zu dieser unseligen Uhrzeit, zu der man nur wach sein sollte, wenn man noch nicht im Bett war.
Gut so.

Der Fernseher – Pt. II

Als Hank nach einer schmerzmittel-induziert regelrecht komatösen Nacht am nächsten Morgen an sein Fenster trat, um den Tag rauchend zu begrüßen, traf ihn fast der Schlag: Unten stand der Fernseher.
Das verfluchte Ding war irgendwie zurückgekommen. Hank konnte es nicht fassen, das war doch unmöglich!
Er wollte runterrennen, sich überzeugen, dass es real war, dass das Ding tatsächlich wieder dort abgestellt worden war, statt auf der Müllkippe seiner Zerlegung zu harren. Doch sein Gipsfuß unterband solch spontane Aktionen.
Also tat er das Nächstbeste und rief bei der Stadtverwaltung an, um sich erneut zu beschweren.
Der Dame, die seinen Anruf entgegennahm, war das nicht besonders unangenehm. Im Gegenteil tat sie in bester Stadtverwaltungs-Manier vollkommen unbeteiligt und uninteressiert.

(Ist das bei denen Einstellungsvoraussetzung? Lernen sie es vielleicht in einem Workshop?, dachte Hank.)

»Wenn jemand das Ding mitgenommen hat, um es auszuprobieren, können unsere Mitarbeiter nun mal nichts machen. Wir suchen schließlich nicht die ganze Nachbarschaft nach Ihrem Müll ab.« Sie kaute unangenehm laut auf einem Kaugummi herum. »Jetzt isser halt wieder da, dann schicken wir eben noch mal jemanden. Hilft ja nix.«
Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, ließ sie eine Kaugummiblase in den Hörer platzen. Ekel schüttelte Hank.

»Machen Sie das«, murmelte er, ein bisschen verdattert von der unbekümmerten Frechheit der jungen Angestellten.
Anschließend rief er seinen Chef an und teilte ihm mit, dass er vorerst zwei Wochen krank geschrieben war. Den wahren Grund für seinen gebrochenen Fuß wollte er nicht nennen, also erzählte er etwas von einem Fahrradunfall und der berühmten Verkettung unglücklicher Umstände. Sein Chef war erwartungsgemäß nicht sehr erfreut über den Ausfall, nahm aber hin, was nicht zu ändern war.

Nachdem die Telefonate erledigt waren, überlegte Hank, was er mit dem Tag anfangen sollte. Eine Frage, die der schmerzende Fuß beantwortete: Er legte sich auf die Couch, bettete das linke Bein auf einige Kissen und schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken, bis es Zeit für die nächste Dosis Schmerztabletten war.
Das Programm war wie zu erwarten unterirdisch. Nachdem er sich eine Stunde lang durch langweilige Rateshows, Kochsendungen und Boulvard-Magazine gezappt hatte, gab er es auf und ließ einfach die x-te Wiederholung eines alten Fernsehkrimis laufen. Neben der Couch stapelten sich die Nachrichtenmagazine, die er abonniert hatte. Meistens hatte er nur Zeit, sie kurz durchzublättern und interessante Artikel zu überfliegen. Jetzt waren sie ihm willkommen.
Während des Lesens wurden seine Augen schwerer und schwerer, und da er sowieso nichts zu tun hatte, wehrte sich Hank nicht gegen das Einschlafen.

Statt in erholsamer Schwärze oder einer angenehmen Traumwelt, fand sich Hank neben dem Fernseher vor seinem Haus wieder. Starr vor Entsetzen blickte er in die dunkle Mattscheibe, auf der jetzt ganz eindeutig etwas zu sehen war; verworrene, unscharfe Bilder grässlicher Szenen. Männer, die sich zu ihm zu beugen schienen und mit langen, krallenbewehrten Fingern auf ihn deuteten, ihn mit kleinen schwarzen Augen eindringlich musterten und sich dann einander zuwandten, um stumm miteinander zu diskutieren. Er sah ihre Münder, die sich unnatürlich weit öffneten, graue Zähne mit rötlichen und braunen Flecken. Dann Frauen in absurden Kostümierungen mit nackten Brüsten und Hintern, die wild tanzten, als seien sie in Ekstase. Immer wieder beugten auch sie sich lachend zur Kamera und streckten lange Zungen heraus, kamen mit jeder tänzelnden Drehung näher an Hanks Gesicht, als wollten sie ihn ablecken. Die Zungen, erst rosige, verführerische Frauenzungen, wurden dicker, fleischiger und dunkler.
Eine üppige Blondine mit fettglänzendem Lippenstift tänzelte debil grinsend auf die Kamera zu. Ihre großen Brüste wogten bei jedem Schritt und sie warf ihre breite Hüfte übertrieben von Seite zu Seite – eine Bewegung, die vermutlich neckisch und sexy wirken sollte, aber durch das verkürzte linke Bein der Frau einfach nur wie ein gespieltes Hinken wirkte. Sie streckte Hände mit knallrot manikürten Fingernägeln nach Hank aus, der instinktiv zurückweichen wollte. Dabei bemerkte er mit Entsetzen, dass er nicht vor Schreck wie gelähmt war, sondern sich tatsächlich nicht bewegen konnte. Er konnte nur wie gefroren auf dem Boden vor dem Fernseher liegen und mit angstgeweiteten Augen den schrecklichen Film verfolgen, der darauf ablief. Die Blondine öffnete den Mund, formte ein erschrocken aussehendes »O«, lachte dann wieder und leckte in Zeitlupe über den Bildschirm. Ihre Zunge näherte sich wie ein dicker Wurm, dunkelbraun und voller riesiger Warzen. Auf einigen davon entdeckte Hank sogar schwarze, borstige Haare. Ein grünlicher Schleim bedeckte die Oberfläche und troff wie Speichel herab. Dann berührte dieses ekelhafte Ding die Kamera und das Bild wurde dunkel und blieb es auch.

Hank spürte warme Nässe auf seinem Gesicht, ein rauer Lappen, der über seine Wange, seine Nase und seine Stirn fuhr und sich dann in seinen Mund drängeln wollte. Galle stieg sauer und schmerzhaft in seiner Kehle auf, doch er presste die Lippen fest zusammen, um der widerlichen Zunge keinen Einlass zu gewähren.
Plötzlich war die Empfindung weg und Hank saß auf einem alten Stuhl. Überrascht blickte er sich um. Er war immer noch auf dem Rasen vor seinem Haus, dem Grünstreifen zwischen Grundstück und Straße, der der Stadt gehörte. Der Fernseher stand ein paar Meter vor ihm auf dem Gras, reglos und dunkel.
Hank schaute nach unten und erkannte den Stuhl als den grob gezimmerten Holzsessel, der immer im Haus seines Großvaters neben dem Ofen in der Küche gestanden hatte. Er konnte den Qualm der Zigarren riechen, die sein Großvater geraucht hatte, und das Brutzeln von Eiern hören, die der alte Mann an jedem Morgen direkt auf die Eisenplatte des Küchenofens geschlagen hatte. Sein Großvater hatte jeden Tag mit einer Wanderung zu seinem Hühnerstall am anderen Ende des Dorfes begonnen, den Hennen ihre Eier weggenommen und zwei davon nach seiner Rückkehr auf dem rußigen, verschmierten Ofen gebraten. Wenn sie fertig waren – unten schwarz von der Hitze des Feuers, oben noch roh und flüssig – hatte er sie mit einem metallenen Bratenwender abgekratzt und auf eine Scheibe Brot geschmiert.
Das dritte Ei hatte er immer angestochen und roh getrunken.
Hank hatte es gehasst, bei seinem Großvater sein zu müssen. Seine Mutter zum Glück auch, und so hatten sie den alten Mann immer nur an einem Wochenende im Jahr besucht, drei Tage kurz vor Ostern, bis er vor zwanzig Jahren endlich gestorben war.
Neben dem Fernseher hielt ein schwarzer Lieferwagen ohne Aufschrift. Fahrer- und Beifahrertür wurden genau gleichzeitig aufgestoßen, als hätten die Insassen diese Performance lange geübt, dann stiegen zwei große, extrem dünne Männer aus. Der eine trug eine lilafarbene Lockenperücke, die ihm bis zum knochigen Hintern reichte, der andere war vollständig kahl. Ihre Köpfe waren enorm, wie Wasserköpfe, und ihre Gesichter flach und nur schwach konturiert. Es fiel Hank schwer, sie anzusehen.
Die beiden Männer wankten zum Fernseher und schienen wild gestikulierend zu diskutieren, was nun zu tun sei. Hank verstand kein Wort, sie unterhielten sich in irgendeiner exotischen Sprache, die er garantiert noch niemals gehört hatte. Ihre Bewegungen wirkten eckig und abgehackt, so als würde Hank nur jede dritte oder vierte Sekunde davon sehen können. Nach einigen Minuten schulterte der Perückenmann den Fernseher, als würde er nichts wiegen und die beiden Männer standen einfach nur da und sahen Hank mit schief gelegten Köpfen an.
Eiskaltes Grauen kroch ihm über den ganzen Körper. Er wusste – nicht ahnte, nicht fürchtete, nein, er wusste – dass diese beiden Männer ihn töten würden. Wenn sie gleich in ihrem merkwürdig abgehackten Gang auf ihn zukommen und in viel zu kurzer Zeit die wenigen Meter zu ihm überwinden würden, wäre es mit ihm vorbei. Sein Herz raste, Schweiß lief aus seinen Poren, als wäre er ein Springbrunnen.
Hank kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf ab.

Schreiend wachte er auf dem Boden vor der Couch auf.
Sein Shirt klebte nass an seinem Rücken, sein linker Fuß lag verdreht unter dem rechten Bein und wenn ihn nicht der Sturz geweckt hätte, der Schmerz unter dem Gips hätte es auf jeden Fall getan.
Stöhnend sortierte Hank seine Gliedmaßen und wuchtete sich erneut auf das Polster, um den Fuß wieder hochlegen zu können. Zum Glück hatte er die Packung mit seinen Schmerzmitteln in der Hemdtasche. Er nahm gleich zwei Tabletten und spülte sie mit einem Glas Wasser aus der Karaffe auf dem Couchtisch runter.
Dann sank er zurück, erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, dass er noch lebte, dass ihm nichts Schlimmeres zugestoßen war als ein gebrochener Fuß von einer dummen Aktion mit einem Stück wilden Mülls. Sein Herz raste immer noch, der Schweiß lief immer noch, aber Hank wusste, es würde sich alles beruhigen.
Alles würde gut werden.
Dann hörte er das Auto. Ein Wagen schien vor dem Haus zu halten, was an sich nicht ungewöhnlich war, denn an der Kreuzung am nahen Ende der Straße musste man anderen Fahrzeugen die Vorfahrt lassen. Doch als der Wagen minutenlang keine Anstalten machte, weiterzufahren, wurde Hank neugierig. Vielleicht waren es die Typen von der Stadt, die den verfluchten Fernseher endlich wegschaffen würden.
Trotz seiner Schmerzen – auch das angeknackste Steißbein hatte ihm den Sturz von der Couch übelgenommen – humpelte er zum Fenster.

Zum zweiten Mal an diesem Tag fiel er vor Schreck fast in Ohnmacht: Vor dem Haus stand ein schwarzer Lieferwagen ohne Aufschrift, genau wie in seinem grauenhaften Albtraum. Die Türen standen bereits offen, die Insassen schickten sich gerade an, auszusteigen.

(Warum waren sie so lange bei laufendem Motor sitzen geblieben? Sollte er etwa sehen, wie sie ausstiegen? Hank schwitzte wieder stärker.)

Dann überkam ihn Erleichterung, als zwei junge Männer in Uniformen der Stadtreinigung aus dem Führerhaus sprangen und forsch auf den Fernseher zugingen. Der eine packte das Gerät, während der andere die hinteren Türen des Lieferwagens öffnete. Kaum eine Minute später war der Fernseher verladen und die beiden Männer steckten sich Zigaretten an.
Hank empfand das als gute Idee, öffnete das Fenster, und rauchte ebenfalls.
Endlich war diese Farce vorbei, der Müll weg, sein Leben wieder normal. Bis auf den Fuß, der ihm allerdings zumindest unfreiwillige Ferien beschert hatte. Hank lachte ein wenig in sich hinein. Als die Kerle unten fertig waren, in ihren Lieferwagen stiegen und wegfuhren, drückte auch Hank seine Kippe aus und nahm sich auf dem Rückweg zur Couch noch ein paar DVDs aus dem Regal.

Nach diversen Actionfilmen, die er lange nicht mehr gesehen hatte, verspürte Hank Hunger und bestellte sich eine Pizza. Als der Lieferant klingelte, hörte Hank es unten im Treppenhaus scheppern und dann einen herzhaften Fluch. Neugierig lehnte er sich über das Geländer, konnte aber nichts erkennen. Der Pizzamann kam wütend die Stufen hinaufgestürmt.
»Was ist denn mit Ihnen los?«, fragte Hank den Jungen.
»Ach, da hat irgend so ein Idiot einen riesigen Fernseher unten neben die Tür gestellt. Die Tür ging nicht ganz auf und ich bin voll dagegen gelaufen. Sie wissen doch, wie das ist, Mann: Wir haben es immer eilig. 30-Minuten-Garantie und so.«
Hank hatte nach dem ersten Satz nicht mehr richtig zugehört. Er war vor Angst erstarrt. Ein Fernseher? Im Treppenhaus? Aber er hatte doch gesehen, wie das Ding abgeholt worden war. Der Fernseher war weg!
»Was für einen Fernseher?«, stammelte er.
»Na, ’n Fernseher halt. So ’n altes Dreckding mit Röhre, riesengroß, aber ’n winziger Bildschirm. Mann, von wegen, gute alte Zeit, was? Muss echt scheiße gewesen sein, auf so ’nem Briefmarkenschirm Pornos zu gucken.« Er lachte dreckig und drückte Hank die Pizza in die Hand. »Macht 8,60.«
Hank reichte dem Jungen zwei Scheine und winkte ab, als der nach Wechselgeld kramte.
»Danke, Mann. Aber echt, jemand sollte dafür sorgen, dass das Ding da weggeräumt wird. Is’ ja lebensgefährlich, wie das da steht.«
Damit sprang er schon wieder die Treppen runter und verschwand, nicht ohne vorher nochmals laut zu fluchen.
Hank stand noch bewegungslos im Treppenhaus, als er unten die Haustür ins Schloss fallen und den Motorroller des Lieferanten starten hörte.
Der Fernseher war zurück? Das war doch unmöglich. Es musste ein anderer sein.
Vielleicht hatte ja einer seiner Nachbarn den Müll vor dem Haus gesehen, sich erinnert, ebenfalls noch ein Gerät im Keller zu haben und dann beschlossen, es auf dieselbe Weise zu entsorgen. Hank kehrte wie in Trance in seine Wohnung zurück, legte den Pizzakarton auf die Couch und ging ans Fenster. Die Grünfläche war leer. Im Licht der Straßenlaternen konnte er noch die Flecken erkennen, die der Fernseher so rasch ins Gras gepresst hatte.
Es nutzte nichts, er würde nachsehen müssen. Das wusste er so sicher, wie er wusste, dass er nicht nachsehen wollte. Alles in ihm wehrte sich dagegen, den langen, schmerzhaften Weg über die Treppe anzutreten. Und alles in ihm wehrte sich dagegen, unten womöglich das Unfassbare zu erblicken. Wenn das geschah, würde er augenblicklich den Verstand verlieren.

Hank nahm noch zwei Schmerztabletten und schlurfte dann aus dem zweiten Stock ins Erdgeschoss. Mit jeder Stufe wurde er langsamer, zögerlicher. Er wollte sich einreden, dass das an den Schmerzen lag, aber im Grunde war ihm klar, dass er einfach nur Angst hatte. Er hatte so richtig Schiss. Vor der letzten Biegung der Treppe hielt er inne.
Wenn er da rum war, würde er die Haustür sehen können. Und vor der Haustür würde der Fernseher stehen und ihm den Fluchtweg blockieren. Das Ding hatte ihm eine Falle gestellt, und er war drauf und dran, genau hineinzutappen …
Hank riss sich zusammen und tat einen Schritt. Dann noch einen. Noch einen. Er schloss die Augen und schlurfte wie in Zeitlupe um die Biegung der Treppe. Noch ein mal tief einatmen, dann die Augen öffnen. Er atmete tief ein. Er hielt die Augen geschlossen.
Aber was, wenn der Fernseher nicht mehr vor der Tür stand? Was, wenn der Fernseher nicht nur irgendwie die Tür geöffnet hatte, um ins Haus zu gelangen, sondern auch die Treppe erklimmen konnte?
Was, wenn der Fernseher bereits direkt vor ihm stand?
Entsetzt riss Hank die Augen auf und blickte sich hastig um. Nichts. Kein Fernseher, weder vor ihm auf den Stufen noch vor der Haustür.
Er runzelte verwirrt die Stirn. Vielleicht hatte er ja nicht wirklich erwartet, den Fernseher zu sehen, der ihm den Fuß gebrochen hatte. Aber zumindest mit irgendeinem Fernseher hatte er schon gerechnet. Warum sollte der Pizzabote so was erzählen, wenn es nicht stimmte?
Vielleicht, so überlegte Hank, während er sich wieder die Treppe nach oben schleppte, vielleicht hatte ja wirklich ein Nachbar einen Fernseher entsorgen wollen und ihn nur kurz im Flur abgestellt, um die Kellertür wieder zu verschließen oder ans Telefon zu gehen oder eine Pause einzulegen oder so. Dann war der unglückliche Pizzabote dagegen gelaufen und wieder gegangen, und der Nachbar war zurückgekehrt, um seine Arbeit zu vollenden und den Elektroschrott nach draußen zu stellen.
Oben angekommen humpelte er ans Fenster. Der Rasen vor dem Haus war immer noch leer. Niemand hatte irgendetwas abgestellt.
Dann eben nicht, dachte Hank frustriert, hat der blöde Nachbar das Scheißteil halt doch wieder in den Keller geräumt oder Blumen reingepflanzt oder es im Hinterhof zertrümmert. Mir doch egal.

Er setzte sich trotzig auf die Couch, bettete den Fuß wieder auf den Kissenberg und verschlang hungrig seine Pizza.
Als er das nächste Mal aufwachte, war es mitten in der Nacht und stockdunkel. Kurz nahm er an, dass ihn der Fernseher geweckt haben könnte, als der sich abgeschaltet hatte. Er hatte, nachdem er seine Pizza gegessen, noch zwei nervöse Zigaretten mit festem Blick auf den Grünstreifen vor dem Haus geraucht und sich wieder auf der Couch eingerichtet hatte, den Timer des Fernsehers aktiviert, damit er nicht die ganze Nacht lief.
Es war durchaus schon vorgekommen, dass er wegen der plötzlichen Stille und Dunkelheit aufgewacht war, wenn er vor der Glotze geschlafen und der Timer seinen Job gemacht hatte.
Als er auf die Uhr sah, stellte er allerdings fest, dass es bereits drei Uhr morgens war. Er war wenigstens zwei Stunden weg gewesen und der Timer stand bei ihm immer auf 60 Minuten. Einen Moment lang lauschte er in die Stille. Es war alles ruhig, nur ein Kauz rief in der Ferne. Dann hörte er doch etwas, ein Schaben und Kratzen. Es schien aus der Diele zu kommen.

Sofort war er in Alarmbereitschaft. Die Türen im Haus waren dünn, die Schlösser alt und simpel. Ein Einbrecher hätte leichtes Spiel, das war ihm schon beim Einzug klar gewesen. Womöglich war es heute Nacht soweit – zum Glück schlief er wegen seines Fußes im Wohnzimmer; vom Schlafzimmer aus hätte er das Gefummel an der Tür keinesfalls gehört. So leise, wie ihm das in seinem Zustand möglich war, stand er von der Couch auf und schlich in die Küche. Dort hatte er eine große, schwere Stabtaschenlampe, eine Maglite-Kopie. Er schirmte das Licht mit der Hand ab, als er sie ausprobierte. Vermutlich würde er sie sowieso nur als Waffe einsetzen, wenn das nötig wurde. Angeblich hauten Einbrecher oft ab, wenn sie sich in Gefahr sahen, auf frischer Tat ertappt zu werden.
Das würde er heute herausfinden.
Immer noch leise und vorsichtig schlich er zur Tür. Das Schaben war in der Tat lauter hier, es machte sich eindeutig jemand an der Tür zu schaffen.

Hank blieb stehen und überlegte, wie er am besten vorgehen sollte. Einfach die Tür aufreißen und den Einbrecher anbrüllen? Aber wenn der Kerl eine Waffe hatte, würde er Hank vielleicht vor lauter Schreck sofort angreifen. Warten, bis sich die Tür öffnete, und sie dann zuhalten? Das klang ja schon bescheuert.
Er entschied sich dafür, den Kerl zu warnen. Aber erst würde er die Polizei anrufen. Das war seines Erachtens der Fehler, den die Leute in Filmen immer machten: Sie wollten selbst aktiv werden, das Problem allein lösen, und brachten sich damit in große Gefahr. Also humpelte er ins Schlafzimmer, das am weitesten von der Wohnungstür entfernt war, und benutzte das dortige Telefon. Als er seinen Notruf abgesetzt hatte, humpelte er zurück und sprach den Einbrecher an.
»Hey! Hören Sie sofort auf, was auch immer Sie tun! Ich habe die Polizei gerufen, sie wird gleich hier sein. Sie haben keine Chance, Mann, selbst wenn Sie gleich abhauen. Trotzdem würde ich das begrüßen«, stotterte er und kam sich unendlich dämlich vor.
Auf der anderen Seite der Tür hörte das Geräusch kurz auf, begann dann aber wieder, dieses Mal an einer anderen Stelle. War der Typ taub?
»Hey! Ich hab doch gesagt, Sie sollen aufhören und abhauen! Die Polizei ist unterwegs!«
Wer auch immer sich an Hanks Tür zu schaffen machte, ließ sich von seiner Warnung nicht beeindrucken. Das Schaben und Kratzen schien sich eher zu verstärken. Jetzt wurde er noch nervöser. Sollte er die Tür öffnen und es auf einen Kampf ankommen lassen? Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet und mit einem gebrochenen Fuß, schmerzendem Steiß und vom Schmerzmittel vernebelten Kopf?
Da fiel ihm der Fernseher wieder ein und ihm wurde kalt.
Langsam streckte er eine zitternde Hand nach der Türklinke aus, drückte sie vorsichtig nieder und riss dann die Tür weit auf.
Kein Einbrecher.
Kein Schaben mehr.

Der Fernseher.

Er stand groß und breit mitten in der Tür und grinste Hank an. Dämmerlicht von der Straßenlaterne vor dem Haus erhellte die Treppe, wenn auch unzureichend. Hank wich zurück. Der Fernseher tat nichts.
Hank hob die Taschenlampe. Der Fernseher grinste nur weiter vor sich hin.
Hank schmetterte die schwere Lampe gegen den Bildschirm, der sofort klirrend zersprang.
Sonst geschah nichts.
Wieder ging Hank einen Schritt zurück. Was sollte er tun? Das war doch verrückt. Er wurde verrückt. Dieser Fernseher verfolgte ihn, jetzt konnte er es nicht mehr leugnen.
Einem Impuls folgend, dessen mangelnde Logik und himmelschreiende Dummheit ihm noch während der Ausführung bewusst wurde, nahm Hank, so gut es der Gips zuließ, Anlauf und übersprang den Fernseher. Er wollte nach unten fliehen und weglaufen, so weit es ging weg von hier und weg von diesem vermaledeiten Höllengerät.
Noch in der Luft merkte er, dass er das linke Bein nicht hoch genug anheben konnte. Der Gips stieß bald auf Widerstand – er blieb am Fernseher hängen. Hank ruderte wild mit den Armen, suchte verzweifelt einen Halt, verfehlte das Treppengeländer, schwebte auf einmal in der Waagerechten über der Treppe und konnte dann nur noch mit schreckgeweiteten Augen zusehen, wie er fiel, fiel, fiel und die Stufen immer näher kamen.
Dann prallte er hart auf, überschlug sich einmal, noch mal, landete unglücklich auf dem Treppenabsatz, fiel weiter, die nächste Treppe hinab, und dann wurde alles schwarz.

Der Fernseher

Als Hank an diesem Morgen zum Joggen das Haus verließ, bemerkte er einen Fernseher auf dem Rasenstück neben der Straße. Es war ein uraltes Röhrengerät, wie es niemand mehr benutzte. Hank fiel auf, dass er schon seit einer Ewigkeit keinen solchen Fernseher mehr gesehen hatte. Selbst die runtergekommenste Kneipe im übelsten Viertel der Stadt, wo sich die Säufer 24 Stunden lang die Klinke in die Hand gaben, um das Bier für Eins Fünfzig zu kippen, hingen mittlerweile moderne Flachbildfernseher.
Riesengroß und sicher unheimlich schwer stand der Fernseher im Grün und schien ihn anzugrinsen. Der Bildschirm glänzte in der Morgensonne. Dahinter meinte Hank eine Bewegung zu erkennen. Er beugte sich runter, um die leicht gewölbte Mattscheibe genauer betrachten zu können. Nichts.
Natürlich war da nichts, es war schließlich nur ein Fernseher, nass vom Regen der vergangenen Nacht und vermutlich längst nicht mehr funktionstüchtig.
Hank richtete sich wieder auf und lief los. Überall an der Straße standen und lagen Möbel, Kisten und Stapel von alten Zeitungen. Es war wohl Sperrmülltag. Der höchste Feiertag für die Kinder des Viertels – und für die Typen, die immer mit ihren Kastenwagen herumfuhren und Metallschrott einsammelten.
Als Hank sich eingelaufen und sein Tempo gefunden hatte, gab er sich Erinnerungen an seine eigene Kindheit hin. Er war nicht in der Großstadt aufgewachsen, sondern in einem etwas größeren Dorf. Sie hatten bereits einen Bahnhof gehabt, dafür aber noch einen Milchmann, eine Bushaltestelle, die sogar von zwei verschiedenen Linien angefahren wurde, aber anstelle eines Supermarktes nur einen Tante-Emma-Laden. Einmal im Jahr war auch dort der Sperrmüll geholt worden, zu einem festen Termin im Frühjahr.
Hank und seine Freunde hatten sich an jenem Tag immer schon auf dem Weg zur Schule ausgeguckt, was sie gerne haben wollten. Groß war jedes Mal die Enttäuschung gewesen, wenn auf dem Rückweg am Mittag die besten Sachen schon weg gewesen waren, oder der Abholdienst schneller gewesen war als die Kinder. Dann waren die Straßen bis auf ein paar traurige Überbleibsel wieder leer und langweilig gewesen.
Er lächelte bei der Erinnerung.
Nach einer Stunde kehrte er verschwitzt und erschöpft zurück zu seinem Wohnhaus. Der Fernseher war noch da und schien Hank anzusehen … das Gerät wirkte irgendwie … hämisch, wie es da breit und schwer auf dem Boden stand, als wäre es schon immer da gewesen. Als gehörte es hierher. Wer mochte das Ding abgestellt haben? Hank kannte nicht alle seine Nachbarn, aber da hier außer dem Fernseher nichts weiter stand, konnte er sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen den Sperrmülltag genutzt hatte, um ebenfalls etwas loszuwerden. Es erschien ihm irgendwie … falsch, dass das Gerät hier aufgetaucht war.
Schwitzend und ein wenig keuchend stand er vor dem Fernseher und betrachtete ihn nachdenklich. Das Teil war unfassbar hässlich, sofern ein Fernseher hässlich sein konnte. Das Gehäuse wirkte klebrig und war gelb verfärbt, als hätte er viele Jahre in einem Zimmer mit einem starken Raucher verbracht. Die Rückseite war massiv gewölbt, wie ein Buckel, in dem die technischen Innereien untergebracht waren. Nach ein paar Minuten kam Hank sich dumm vor, wie er hier einen alten Fernseher bewertete, als ginge es um eine Misswahl, und kehrte kopfschüttelnd in seine Wohnung zurück, wo er duschte und sich dann an die Arbeit machte.
Den ganzen Tag lang rumorte es unten auf der Straße. Auto um Auto fuhr langsam umher und inspirierte den Müll der Bewohner, immer wieder wurde angehalten und Zeug eingeladen, das man irgendwie zu Geld machen konnte.
Hank fiel es schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Andauernd fand er sich am Fenster wieder und blickte auf die Straße. Der Schutt vor den Nachbarhäusern wurde stetig weniger. Der Fernseher stand noch da.
Am nächsten Morgen hatten die Plünderer und die offiziellen Abholer der Stadt allen Müll eingesammelt. Nur der Fernseher stand noch vor Hanks Tür und schien ihn schon wieder anzugrinsen, als er wie jeden Morgen zum Joggen runterkam.
Hank ärgerte sich.
Warum hatten sie das Ding stehenlassen? Er ging zu dem Gerät hin und stellte fest, dass Kabel und Fernbedienung fehlten. Na toll, das war es also wert gewesen, das Gerät selber aber nicht.
Und warum hatten die Jungs der Stadt es nicht mit dem ganzen übrigen Schrott entsorgt?
Verärgert begann Hank mit seiner Laufrunde. Bei seiner Rückkehr stand der Fernseher etwas näher am Haus, die Mattscheibe Hank zugewandt, als er in seine Straße einbog. Jemand war also da gewesen und hatte das Teil bewegt. Vielleicht hätte der jemand es ja mitgenommen, wenn nicht das Kabel fehlen würde.
Hank blieb unschlüssig vor dem Fernseher stehen. War er etwa noch größer geworden? Es war ein gigantischer Berg veralteter Technik. Die Grashalme an der Stelle, an der er vorher gestanden hatte, waren niedergedrückt und gelb. Als hätte der Fernseher schon wochenlang das Licht von ihnen ferngehalten und sie zerquetscht. Und das nach nur einer Nacht?
Hank beschloss, bei der Stadtverwaltung anzurufen und darum zu bitten, dass der Fernseher abgeholt würde.
Die Dame von der Stadt war wenig kooperativ. »Elektroschrott gehört nicht auf den Sperrmüll, der wird nie mitgenommen, den müssen Sie gesondert anmelden«, leierte sie runter, als hätte sie diesen Text heute schon zigfach wiedergegeben.
»Das weiß ich. Es ist auch überhaupt nicht mein Fernseher. Den hat irgendjemand vor unser Haus gestellt, auf die Grünfläche. Die gehört nicht mal zum Grundstück, das ist schon Stadtgebiet. Das ist wilder Müll, verstehen Sie?«
Sie verstand. Gelangweilt versprach sie, dass sich noch heute jemand der Sache annehmen würde.
Auch heute ertappte sich Hank dabei, dass er seine Arbeit nur unkonzentriert erledigte und immer wieder ans Fenster ging, um nach unten zu spähen und nach dem Fernseher zu schauen. Jedes Mal stand das Gerät an einer anderen Stelle. Mal war der Bildschirm zur einen Seite der Straße gewandt, mal zur anderen. Doch egal, wie oft Hank zum Fenster ging, nie erwischte er die Leute, die sich an dem Ding zu schaffen machten. Schließlich blickte der Fernseher zum Haus.
Er hat mich endlich gefunden, dachte Hank mit einem Schaudern und kam sich gleich darauf albern vor.
Doch er konnte nicht verhindern, dass ihm der Anblick des Gerätes eine diffuse Angst einjagte.
Als es dunkel wurde, stand der Fernseher immer noch da, immer noch dem Haus zugewandt. Hank ging runter. Der Fernseher grinste ihn an. Ein leises Flackern lief über den Bildschirm, ein kleines Zucken, so als wäre er gerade ausgeschaltet worden und das Bild würde in einem Lichtblitz verschwinden. Hank wusste, dass das unmöglich war. Die Scheinwerfer irgendeines Autos mussten sich in dem Glas gespiegelt haben.
Er wollte den Fernseher wieder näher an die Straße stellen und vor allem umdrehen. Dabei kam er sich zwar dumm vor, aber er fühlte sich nun mal unangenehm von dem Gerät beobachtet.
Hank beugte sich zu dem Fernseher, um ihn hochzuheben. Kaum hatte er den Rahmen gepackt, zuckte ein flammendheißer Stoß puren Schmerzes durch seine Hände und Arme. Instinktiv ließ er los und machte einen Satz nach hinten, stolperte über die Bordsteinkante und prallte hart auf den Asphalt. Sein Steißbein antwortete mit ebenso massivem Schmerz auf diese Misshandlung. Hank schrie gequält auf.
Er rollte sich auf der Seite liegend zusammen und rieb sich hektisch die Hände. Dabei ließ er den Fernseher nicht aus den Augen. Misstrauisch spähte er zu dem Gerät, das unverändert höhnisch zu grinsen schien. Aus dieser Perspektive konnte er nun auch endlich erkennen, woher dieser absurde Eindruck rührte: Der Schriftzug des Herstellernamens, normalerweise einigermaßen dezent aber lesbar unten an der Vorderseite des Gehäuses aufgedruckt, war bei diesem Fernseher fast schon übertrieben groß und mit leicht erhabenen, silbern schimmernden Buchstaben so aufgeklebt, dass der Eindruck eines breiten Mundes entstand. Zumindest nahm Hank es so wahr – er neigte dazu, zufällige Muster zu Gesichtern zusammenzusetzen. Wie hieß diese Sache noch mal bei den Psychologen? Pareidolie. Er hatte mal darüber gelesen, dass es im Grunde jedem Menschen so ging, man suchte immer Vertrautes im Chaos.
Hank schob seine sinnlosen Gedanken beiseite und erhob sich in eine hockende Position. Der Markenname des Fernsehers hatte ihn neugierig gemacht – etwas stimmte damit nicht.
Langsam beugte er sich nach vorne. »G-R-A-Y-S-O-N.«
Hank runzelte die Stirn. Grayson? Das hatte er noch nie gehört. Es musste irgendein Billig-Hersteller sein. Das würde auch erklären, warum er sich an dem Gehäuse einen derart schweren Stromschlag eingefangen hatte. Die billige Verarbeitung hatte womöglich dafür gesorgt, dass im Inneren des Gerätes irgendwelche Kabel oder Spulen oder Kondensatoren die Spannung gehalten und jetzt an ihn abgegeben hatten.
So oder so ähnlich. In Wahrheit kannte Hank sich mit solchen Dingen absolut nicht aus. Und hätten dann nicht auch die Möchtegern-Vandalen, die den Fernseher den ganzen Tag lang hin und her geschoben hatten, einen Schlag kriegen müssen? Vielleicht hatten sie ihn deshalb nicht mitgenommen.
Trotzdem konnte Hank nicht einfach von seinem ursprünglichen Plan abrücken. Der Fernseher war ihm entschieden unheimlich, er wollte nicht, dass das Gerät so nah an seinem Haus stand. Mit einem Ast aus seinem Vorgarten stocherte er vorsichtig an dem Gehäuse herum, konnte aber nichts feststellen, das darauf schließen ließ, dass es weiter unter Strom stand. Was vermutlich sowieso unmöglich war. Hank nahm all seinen Mut zusammen und dieses Mal konnte er den Fernseher tatsächlich problemlos berühren.
Er wuchtete ihn hoch und stellte entsetzt fest, dass er sogar noch schwerer war, als er aussah. Mit zwei Schritten wollte er das Teil näher an die Straße bringen und beim Abstellen auch gleich umdrehen, doch plötzlich entglitt es seinen Fingern und ehe er reagieren konnte, krachte der Fernseher auf seinen linken Fuß.
Hank schrie nicht nur, er brüllte regelrecht. Der Schmerz war unbegreiflich. Ein Brennen, Reißen, Quetschen, alles zugleich und in einer Intensität, die alle anderen Empfindungen ausblendete. Vor seinen Augen explodierten Sterne.
Rasend vor Schmerzen trat er mit dem rechten Fuß gegen den Fernseher, der daraufhin zur Seite kippte und seinen linken Fuß freigab. Hanks weicher Turnschuh aus schwarzem Stoff sah merkwürdig flach aus. Er war sicher, dass der Fuß gebrochen war, wollte aber keinesfalls hier und jetzt eine weitere Untersuchung vornehmen. Wütend spuckte er den Fernseher an. Gleich darauf blickte er sich peinlich berührt um, ob ihn womöglich einer der Nachbarn in dieser absurden Situation beobachtet hatte, und humpelte, als er niemanden entdeckte, stöhnend zurück ins Haus.
Der Weg die Treppe hinauf in seine Wohnung glich einem Spaziergang über glühende Kohlen. Sein Steißbein brannte, der Fuß pochte und schickte bei jedem Schritt sengende Schmerzen durch seinen Körper.
Oben angekommen löste er vorsichtig die Schnürung seines Schuhs und zog ihn so behutsam, wie seine zitternden Hände es zuließen, aus. Sein Fuß war nicht platt, wie er es unten vor dem Haus zunächst vermutet hatte. Stattdessen schwoll er bereits stark an, die Haut verfärbte sich rötlich und blau und der große Zehennagel blutete. Eine Berührung war nicht möglich, er zuckte gequält zusammen, als er es versuchte.
Sicher waren mehrere Knochen gebrochen.
Er musste in ein Krankenhaus, also rief er ein Taxi und wählte nach kurzer Überlegung danach erneut die Nummer der Stadtverwaltung. Wie durch ein Wunder kam er sofort durch. Keine Warteschleife für den verletzten Hank!
So gelassen wie möglich setzte er dem gelangweilten Studenten, der offensichtlich den Spätdienst in der Behörde abbekommen hatte, auseinander, dass der wilde Müll vor seinem Haus noch immer nicht entsorgt war. Der Kerl am anderen Ende der Leitung versprach Abhilfe, ja, noch heute, ließ sich nochmals die Adresse bestätigen und legte dann auf.
Als der Taxifahrer klingelte, schlüpfte Hank mit dem verletzten Fuß vorsichtig in einen alten, ausgelatschten Wollpantoffel und hinkte nach unten.
Der Fuß war tatsächlich gebrochen. Erst spät in der Nacht kam Hank mit einem überdimensionalen Gips und Krücken nach Hause zurück – wieder mit einem Taxi. Diese unerwartete Ausgabe schmälerte sein Zigarettenbudget für diese Woche. Trotzdem zündete er sich sofort eine an, als er ausgestiegen war, und rauchte vor dem Haus. Dabei betrachtete er sehr zufrieden die Flecken braunen, platt gedrückten Grases, auf denen sich einzelne Halme schon wieder aufzurichten begannen.
Er hatte gewonnen. Er hatte gekämpft, er hatte Rückschläge und schwere Verluste hinnehmen müssen, er war demoralisiert worden – aber letzten Endes hatte er gewonnen. Der Fernseher war weg.

August

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es sollte doch entspannend, anregend und vielleicht ein bisschen lehrreich sein, mein Unterwasser-Abenteuer in dem alten Baggersee. Tatsächlich ist es einfach nur anstrengend. Diese stinkenden kleinen Bastarde lassen mir ja keine andere Wahl. Jetzt ist es doch Arbeit geworden, richtig harte Arbeit sogar.

Alles Ausländerkinder, diese besonders schlecht erzogenen kleinen Ratten ohne Respekt vor deutschen Tugenden und deutschen Recken.

Hier stehe ich nun, in voller Taucherausrüstung, der Schweiß läuft mir den Rücken hinunter und sammelt sich unangenehm in der engen Neoprenhülle.

Dabei hätte es so schön werden können: Der See, das Wasser, Dunkelheit zwischen den Algen, Licht näher an der Oberfläche, die aufsteigenden Blasen aus meiner Sauerstoffflasche, hier ein Hecht, dort ein Barsch, wie sie majestätisch durch ihre Heimstatt gleiten.

Doch nichts war majestätisch: Einer der kleinen schwarzen Bastarde sprang mit dem Hintern voran in den See und blitzschnell waren meine schuppigen Freunde verschwunden, das Wasser zerwühlt, die Algen in Aufruhr, die Klarheit dahin.

Zu viele Kinder, viel zu viele Kinder in meinem kleinen See. Es wurde laut.

Zuerst floh ich einfach, schwamm zurück zu meinem kleinen Lager in der Uferböschung neben dem zugewachsenen Holzsteg. Aber dort ärgerte ich mich so sehr, dass ich beschloss, etwas zu tun. So einfach lasse ich mich nicht vertreiben, nicht von diesen kleinen Kanacken! Seit Wochen tauche ich hier, ich kenne jeden Fisch beim Namen, weiß um jedes Nest.

Ich schwamm also zurück. Etwa in der Mitte des Sees war eines dieser Kinder allein, ließ sich in der Sonne treiben. Das habe ich zuerst entsorgt, es war ganz leicht, diese Drückeberger sind schwächlich und wehren sich nicht lange. Dann kam noch ein Kind, danach zwei.

Doch langsam wurde ich müde, es ging allzu langsam so, ich würde bis zum Herbst brauchen, bis ich wieder in Ruhe tauchen könnte.

Also musste ich den See doch verlassen und in meinem Wagen nach passendem Zubehör suchen. Die vier ertrunkenen Kinder habe ich nahe dem Grund des Sees in das Algendickicht gesteckt, das hält ganz gut.

Jetzt ist der gesamte See präpariert, und ich bin erschöpft, sehr erschöpft. Es hat lange gedauert und war sehr schwierig. Aber meine vier neuen Freunde haben mir sozusagen dabei geholfen. Sie sind nun Bomben! Wirkliche, wahrhaftige Bomben!

Ha, Ihr Kinder, ha! Ihr hättet Euch eben nicht mit dem Chemiker anlegen sollen.

Nein, das klingt jetzt allzu melodramatisch, allzu sehr nach Super-Schurke.

Aber was sonst kann ich in diesem erhabenen Augenblick sagen, einem Augenblick der Befreiung? Ein Gedicht deklamieren? Vielleicht die Nationalhymne anstimmen? Das wäre passend, oh so passend.

Also denn, ich singe laut und vernehmlich, die Hand am Herzen, meine Stimme klingt über den See, in dem sie noch immer ahnungslos toben und kreischen und in ihrem Spiel weder mich noch das Fehlen ihrer Kameraden bemerken. Die Sonne sinkt bereits hinter die Bäume am anderen Ufer, meinem Ufer, denn ich stehe meinem verborgenen Steg gegenüber auf einem neueren Holzkonstrukt, das gerade noch übersäht war mit dem Unrat der Kinder. Ich habe all ihre Sachen in den See geworfen, sie werden ihre Handtücher und kleinen Hemden und Hosen nun nicht mehr brauchen.

Dieser Gedanke macht mich lachen, ein freudiges, echtes Lachen, und ich weiß, dass der Moment nun gekommen ist, und auf dem nunmehr leeren Steg an diesem meinem Lieblingssee in der rotglühenden Frühabendsonne betätige ich den Auslöser und der See detoniert, genau nach Plan, und reißt die kreischenden und stinkenden kleinen Kanacken in den verdienten Tod.

Schnell ist es ruhig, endlich wieder ruhig.

Ich warte einig Minuten, ehe ich mir die Taucherbrille von der Stirn über das Gesicht ziehe und mit einem kühnen Sprung vom Steg in meine Lieblingswelt eintauche.

Doch Schande: Wie konnte ich mich hinreißen lassen, mit solch harten Mitteln meinen See zurückzuerobern? Überall schwimmen Teile dieser widerlichen Kinderkörper, und dazwischen, ach, auch meiner Fische!

(Aus: KALENDARIUM. Ein Jahreszyklus in Wort-Ton-Bild.)

Über Kisten

Etwas weniger als drei Jahre sind vergangen seit einer verwirrten und verwirrenden Trennung zugunsten einer neuen und nicht minder verwirrenden Beziehung, die ihrerseits rasch sterben musste. Jedes Mal riss es große Wunden und ging mit großen Verlusten einher.
Und jedes Mal war ich die Schuldige.

(Eine Erkenntnis, die im Übrigen nicht unbedingt für geringeren Schmerz sorgt.)

Dann folgte der große Zusammenbruch, die Zeitdesschlafes wechselte mit der Zeitdeskampfes und der Zeitdermedizin. Und mehr Schlaf. Wochen und Monate, die sich allein anhand von eMails aus jener Zeit rekonstruieren lassen.
Dann Klinik.
Dann Italien.
Dann Stefan, mal wieder viel zu impulsiv und hektisch und wenig überlegt.

(Aber seit etwas mehr als zwei Jahren ausgesprochen erfolgreich & schön.)

Dann Heute.
Ein neues Leben in einer neuen Stadt, mit neuen Freunden, einer neuen Beziehung, einem neuen Beziehungsstatus, neuer Arbeit.

(Ein neues Leben, fürwahr. Wie ist das nur passiert? Die eMails geben dazu keine befriedigende Auskunft.)

Ankommen wird langsam notwendig. Denn wenn auch jetzt alles anders läuft, ich scheinbar nach dem großen Zusammenbruch in einer anderen Simona aufgewacht bin

(I’m transforming, I’m vibrating, look at me now)

ist das doch Blödsinn, schlicht nicht wahr. Mein Leben ist noch dasselbe, ich bin noch dieselbe.

Und ich werde verfolgt.
Wie immer, wenn ich eine Emotion nicht ansehen will, nicht wahrhaben, habe ich die Ereignisse der letzten Jahre in kleine Kisten gepackt und hinter mir auf den Boden fallen lassen.
Aber da bleiben sie nicht, diese elenden Kisten. Sie ziehen Fäden. Zähe, klebrige Fäden, die nicht unendlich lang werden und auch nicht reißen können, sondern einfach irgendwann zusammenschnurren, sodass die Kiste nach vorne geschleudert wird und mich trifft. Kiste um Kiste schmettert mir gegen den Kopf und fällt auseinander.

(Pitsch: Eigentlich sehnst du dich doch nach der alten Heimat.)

(Pitsch: Oh, da hattest du Streit mit Papa. Lass uns das doch die ganze Nacht hin und her drehen und nachschauen, wie dumm du dich verhalten hast.)

(Pitsch: Mama ist tot.)

(Pitsch: Y. redet immer noch nicht mit dir.)

(Pitsch: X. macht lustige Sachen mit den Leuten, die du so arg vermisst. Und redet im Übrigen auch nicht mehr mit dir.)

Pitch, pitsch, pitsch.
Dumme kleine Kisten. Keine Ahnung, was man mit dem ganzen Sperrholz anfangen soll.

Das neue Buch im Lesezimmer – und ein kleines Extra

Die gute Mory durfte beim letzten Mainz-Besuch im großartigen Lesezimmer einkehren und einen Auszug aus dem neuen Buch lesen. Mitsamt dem kleinen Edgar Allan Poe und einem fiesen Versprecher.

(Und Bier, weil ich so arg nervös war.)

(Zu recht, wenn ich den fiesen Versprecher bedenke.)

Leider steht das Video noch nicht in der offiziellen Bibliothek, wohl aber auf YouTube. Wer also ein Viertelstündchen Zeit hat, darf der guten Mory ein bisschen zuhören und dann das neue Buch kaufen!

Wer kein Viertelstündchen hat, mich aber dennoch mal beim Lesen beobachten will, kann sich auch meine kleine Geschichte „Barfly“ anhören:

Viel Spaß im Lesezimmer — stöbern lohnt sich!

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 3

Bisher mag der Eindruck entstanden sein, es ginge im neuen Buch nur darum, zu viel zu trinken oder die Uni zu schmeißen. Das ist nur halb richtig. Es geht auch um das Suchen und Finden von Liebe:

 

So ein Leben in der Fremde kann sehr schnell einsam werden, da hat jeder neue Bekannte das Potential zum Seelenverwandten.
»Verdammte Stadt, eigentlich«, setzte Pit an, als ich gerade mit einer zweiten und dritten Flasche Wein vom nahen Billig-Supermarkt zurückkam. »Verdammtes Land sogar. Dieses Klopapier. Ich meine, was soll das? Es ist höchstens zweilagig, und es sind zwei dünne Lagen. Das ist doch total lächerlich! Im Krankenhaus wird man erst behandelt, wenn man schon halbtot ist, ansonsten kriegt man Schmerzmittel und muss warten. Waschmittel reicht nur für 25 Wäschen, egal, wie groß die Flasche ist. Essen ist teuer, dafür sind Kippen billig und Alkohol auch.
Und jeder dieser elenden Genueser hat einen Hund und jeder dieser Hunde scheißt einfach so auf die Straße, was natürlich niemand wegmacht, außer es regnet, dann kommt es einem entgegen, wenn man den Berg hochläuft. Genueser ohne Hund haben garantiert schreiende Kinder dabei, laut schreiende Kinder, die alles dürfen.
Rauchen ist überall verboten und die Italiener behaupten, das würde ihnen gefallen. Mag im Sommer ja auch stimmen. Ich bin gespannt, wie sie im Winter reden, wenn sie frierend auf der Straße stehen, um ihr Nikotin zu kriegen.«
Dann war er unvermittelt wieder still. Ich nahm ihn mitfühlend in den Arm.

 

Hier gibt es mehr.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch? – 2

Nicht nur um Fäkalien, nein, es geht auch um die Widrigkeiten des Universitätslebens. Zum Beispiel die Anmeldung zu Semesterbeginn.

Im Moment wurde der Glückspilz mit der Nummer 351 von der übellaunigen, dicken Sekretärin abgefertigt, die sich offenbar exklusiv um die ausländischen Studierenden kümmern sollte. Auf meinem Zettel stand 512. Seufzend ging ich vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Auf dem Weg wich ich einem jungen Mann aus, der wirkte, als säße er schon immer hier: In einen dreckigen Parka gewickelt starrte er stumm vor sich hin, den Zettel mit der Nummer schlaff in der Hand, die Beine in grauen Jeans halb unter sich gezogen. Sein Bart war erstaunlich lang und fusseliger, als ein Bart natürlicherweise sein sollte. Er roch erbärmlich. Ein kunstvolles Spinnennetz spannte sich zwischen seinem Kopf und der Wand.
Draußen traf ich auf zwei Mädchen, eines davon in einem T-Shirt mit dem unverkennbaren Logo des FC St. Pauli. Ich freute mich heimlich über die Deutschen – Erasmus ahoi! – und bot Zigaretten an. Die beiden musterten mich verständnislos und drehten sich weg. Verwirrt stand ich da, die Kippenpackung noch offen vor mir ausgestreckt. Gerade wollte ich es auf Italienisch versuchen, da murmelte die eine etwas wie »Komische Typen gibt’s«, und die andere lachte.
Sie entfernten sich ein paar Schritte, doch ich konnte sie immer noch reden hören – Deutsch reden hören. Ich wollte gerade nach Steinen suchen, um die dämlichen Ziegen damit zu bewerfen, da sah ich durch die Glastür, dass gerade die Nummer 508 aufgerufen wurde. Meine zuständige Sachbearbeiterin schien trotz ihrer offensichtlichen Aversion gegen ihren Job und ihre schier unglaubliche Körperfülle der Fleiß in Person zu sein. Schnell trat ich meine halb gerauchte Zigarette aus und eilte zurück.

Worum geht’s eigentlich in deinem neuen Buch?

Gute Frage. Zum Beispiel um Dinge, die nachts am Hafen passieren können:

»ICH BIN HILO!«
Ein Schrei riss mich aus meiner drogen- und alkoholinduzierten Lethargie.
»Ich bin hilo!« Marian stand mit erhobenen Armen und weit gespreizten Fingern am Strand, direkt an der Wasserlinie, das Gesicht uns ab- und dem Meer zugewandt, hinter dem die Sonne gerade zaghafte erste Strahlen über den Horizont schob. Seine Hose hatte er in der Zwischenzeit wieder angezogen, was mich aus irgendwelchen Gründen ungemein beruhigte. Wie wir zurück an den Strand gekommen waren, wusste ich nicht. Ich bezweifelte, dass die anderen eine Ahnung hatten. Ich war nass.
»Hilo«, schob er kläglich hinterher.
»Like a halo in reverse«, grölte Pit und rollte sich auf die Seite. »Halo? Du bist halo? Wie geht das denn?«, fragte er interessiert.
»Was?« Verwirrt drehte Marian sich um und ließ dabei die Arme sinken.
»Hilo«, berichtigte ich kichernd und wankte zu Marian, »hilflos, Mann, der kleine Marian möchte aus dem Spielparadies abgeholt werden. Komm her, ich helfe dir.«
Marian ergriff meine beiden Hände und schaute mich verschwörerisch an. »Bring mich irgendwo hin, wo ich scheißen kann«, flehte er.
Pit kugelte sich vor Lachen und auch ich konnte mich kaum noch beherrschen, meine Knie gaben nach und ich zog Marian zu mir herunter.
»Ich mein’s ernst! Es tut weh!«, jammerte er und holte mich wieder auf die Füße.
»Okay«, stammelte ich zwischen zwei Lachanfällen. »Okay, wir gehen scheißen, kein Problem. Komm einfach mit.«
Ich zog ihn hinter mir her, vergewisserte mich, dass Pit uns ebenfalls folgte und trottete mit den beiden zu den öffentlichen Toiletten am alten Hafen.

Mehr in den nächsten Tagen oder eben in dem wunderschönen Buch!

Über die Liebe

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, deren schieres Sein mich auf eine Art fasziniert, die ich nicht erklären kann.

[Nein, es geht hier nicht um morbide Faszination, nicht um laute, ungehobelte, unangenehme und ganz und gar untragbare Leute, die ihre Dummheit hinter dumpfen Parolen verstecken wollen, was ein in sich unmögliches Unterfangen ist. Deren Existenz ist mir lediglich Ärgernis & Rätsel.]

Es geht hier um Menschen, die ich treffe, ansehe und vor denen ich ganz schnell zurückweiche, um aus dem Hintergrund sehnsüchtige Blicke und verirrte, meist erschreckend fehlgesetzte Worte zu werfen. Ich sollte weggehen, mich umdrehen und fliehen, machen, dass ich nach Hause komme.

Stattdessen bleibe ich sitzen, äuge, sehne, mache auf cool und komme mir dämlich vor.

Wie ein elender Teenager.

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, in die ich mich verliebe.

In dich zum Beispiel, dessen Geschichten mich so berührt haben und dessen Ruhe und Gelassenheit mich immer wieder berühren.
Oder in dich mit der wundervollen Stimme und den schönen Worten.
In dich, der du mir Dekadenz mit Whisky und stundenlangen Gesprächen geschenkt hast, ehe du mir ein Zuhause wurdest.
In dich, den besten Indenarmnehmer der Welt.
Und in dich, der du einer von den Guten bist und mit dem ich redenredenreden will.
Oder in dich, die personifizierte Wunderbarkeit.

In unregelmäßigen Abständen treten Menschen in mein Leben, die es gefälligst nie wieder verlassen sollen, die gefälligst immer wieder meinen Weg kreuzen und mich neu in sich verliebt machen sollen.

Was sie unweigerlich tun.

[Für einen Abend; bis zum Wochenende; immer, wenn dieses Lied läuft, bei dem du damals in der kleinen Kneipe aufs Klo gegangen bist, um dann mit diesem Typen wiederzukommen, der dich schließlich mit nach Hause nehmen durfte; immer, wenn ich an dieser einen Stelle am Rhein sitze; jedes Mal, wenn ich am Flughafen vorbeifahre. Ewig.]

Es gibt kein Entkommen: Du sitzt doch schon in meinem Kopf. Du verwirrst doch schon mein Herz. Du verfolgst doch schon meine Träume.
Du stellst doch schon lange Dinge mit meiner Kunst an, du Judas.

Und jetzt will ich eben deine Stimme hören, deinen Geschichten lauschen, alles über dich erfahren, jede Erinnerung, jede obskure Idee, jede Sorge.
Ich will in dein Hirn kriechen und mir alles ganz genau ansehen.
Ich will die Kleinigkeiten in deinem Gesicht betrachten, die feinen Linien auf deiner Haut, die Farben in deinen Augen, die Form deiner Lippen.
Ich will Worte, die nur mir gelten.

Deine und deine und deine auch. Ohne Verpflichtung, vielleicht nicht mal exklusiv, aber immer wieder und wieder.

Die ewige Sehnsucht.