Unselige Uhrzeiten

Irgendein Geräusch in diesem merkwürdigen Haus hat mich geweckt.
Irgendein Geräusch oder einer meiner wirren Träume.
Stockdunkel ist es. Die dreckigen Plastikvorhänge schließen dicht und auch draußen mag es noch dunkel sein, in diesem Dorf mit seinen schlechten Restaurants und einfallslosen Bauten und viel zu wenig Landschaft, die die öden Straßen einrahmt.
Mit trockenem Mund wälze ich mich herum. Das Bett ist schmal, zu schmal, fast rutscht die dicke Decke zu Boden. Ich rette sie vor dem Absturz und kuschle mich ein.
Müdigkeit hemmt meine Bewegungen und meinen Geist. Ich blinzle in die Nacht und blicke in rote Augen. Kurz denke ich an irgendein LED-Licht, ein Gerät nahe der Außenwand des deprimierenden Zimmers. Aber da steht nichts, das weiß ich, da steht nur der Schrank, in den ich tags meinen Koffer gepackt habe. Gepäck rein, Tür zu, ein Bier aus der Minibar in dem schäbigen Sessel, eine rasche Dusche, ab zum Termin. So lief das ab.
Es steht kein Wecker auf dem Schrank. Keine Uhr.
Also doch Augen statt LEDs.
Ich habe nicht daran gedacht, meine Augen einfach wieder zu schließen und weiterzuschlafen. Sie sind noch offen, schauen noch, gewöhnen sich mehr und mehr an das Dunkel.
Augen, rot, wie kleine Lichter, drum herum eine Gestalt, etwas dunkler als die umgebende Nacht.
Nah.
Die Gestalt kauert auf dem Bett neben meinem, dem überflüssigen, einen halben Meter nur entfernt. Reglos. Sie schaut nur, die Gestalt.
Habe ich jemanden mitgenommen? Einen Kollegen überredet, nicht nach Hause zu fahren, lieber noch ein Bier zu trinken und auf ein Gespräch zu bleiben? Nein, auf keinen Fall – der Tag war lang, ich irgendwann müde. Ich bin alleine ins Hotel gegangen, habe alleine meine Kleider abgelegt, mich gewaschen und ein Glas Wasser getrunken. Und ganz sicher bin ich anschließend allein ins Bett gegangen, habe den Tag Revue passieren lassen, bin eingeschlafen.
Trotzdem sitzt da wer und guckt.
Rot.
Leuchtend.
Der LED-Wecker-Dämon aus den Tiefen der Hölle? Eher nicht: Die Folter des zu frühen Aufstehens läutet traditionell mein Handy ein.
Kurz erwäge ich, Licht zu machen, um die Kreatur genauer sehen zu können. Den Sukkubus zu vertreiben. Oder auch sehen zu können, dass da gar nichts sitzt, nichts kauert und guckt. Vielleicht noch ein Glas Wasser trinken und wieder schlafen.
Da hat mein träges Hirn aber schon entschieden, dass mehr Schlaf die bessere Variante ist und meinen Lidern den Befehl erteilt, sich zu senken.
Gleich bin ich wieder eingekuschelt, warm und schwer. Gleich werde ich wieder schlafen, zu dieser unseligen Uhrzeit, zu der man nur wach sein sollte, wenn man noch nicht im Bett war.
Gut so.

Über Kisten

Etwas weniger als drei Jahre sind vergangen seit einer verwirrten und verwirrenden Trennung zugunsten einer neuen und nicht minder verwirrenden Beziehung, die ihrerseits rasch sterben musste. Jedes Mal riss es große Wunden und ging mit großen Verlusten einher.
Und jedes Mal war ich die Schuldige.

(Eine Erkenntnis, die im Übrigen nicht unbedingt für geringeren Schmerz sorgt.)

Dann folgte der große Zusammenbruch, die Zeitdesschlafes wechselte mit der Zeitdeskampfes und der Zeitdermedizin. Und mehr Schlaf. Wochen und Monate, die sich allein anhand von eMails aus jener Zeit rekonstruieren lassen.
Dann Klinik.
Dann Italien.
Dann Stefan, mal wieder viel zu impulsiv und hektisch und wenig überlegt.

(Aber seit etwas mehr als zwei Jahren ausgesprochen erfolgreich & schön.)

Dann Heute.
Ein neues Leben in einer neuen Stadt, mit neuen Freunden, einer neuen Beziehung, einem neuen Beziehungsstatus, neuer Arbeit.

(Ein neues Leben, fürwahr. Wie ist das nur passiert? Die eMails geben dazu keine befriedigende Auskunft.)

Ankommen wird langsam notwendig. Denn wenn auch jetzt alles anders läuft, ich scheinbar nach dem großen Zusammenbruch in einer anderen Simona aufgewacht bin

(I’m transforming, I’m vibrating, look at me now)

ist das doch Blödsinn, schlicht nicht wahr. Mein Leben ist noch dasselbe, ich bin noch dieselbe.

Und ich werde verfolgt.
Wie immer, wenn ich eine Emotion nicht ansehen will, nicht wahrhaben, habe ich die Ereignisse der letzten Jahre in kleine Kisten gepackt und hinter mir auf den Boden fallen lassen.
Aber da bleiben sie nicht, diese elenden Kisten. Sie ziehen Fäden. Zähe, klebrige Fäden, die nicht unendlich lang werden und auch nicht reißen können, sondern einfach irgendwann zusammenschnurren, sodass die Kiste nach vorne geschleudert wird und mich trifft. Kiste um Kiste schmettert mir gegen den Kopf und fällt auseinander.

(Pitsch: Eigentlich sehnst du dich doch nach der alten Heimat.)

(Pitsch: Oh, da hattest du Streit mit Papa. Lass uns das doch die ganze Nacht hin und her drehen und nachschauen, wie dumm du dich verhalten hast.)

(Pitsch: Mama ist tot.)

(Pitsch: Y. redet immer noch nicht mit dir.)

(Pitsch: X. macht lustige Sachen mit den Leuten, die du so arg vermisst. Und redet im Übrigen auch nicht mehr mit dir.)

Pitch, pitsch, pitsch.
Dumme kleine Kisten. Keine Ahnung, was man mit dem ganzen Sperrholz anfangen soll.

Eine Überdosis Optimismus

Auf der Leipziger Buchmesse drückte man mir ein reisendes Tagebuch in die Hand, das ich zu füllen und weiterzugeben hätte.

Zu Befehl!

Statt Messebericht also ein schnöder Eindruck, morgens im strahlenden Sonnenschein auf dem Balkon meiner Gastgeberin in besagtes Reisebüchlein geschmiert*.

 

 

*Ja, meine Handschrift ist nicht besonders leserlich. Lebt damit, ich schaffe es ja auch.

Über das neue Jahr

Jahreswechsel scheinen den Menschen ein wenig auf die Nerven zu gehen. Zumindest in meiner persönlichen Filterblase tummeln sich mehr Leute, die sich über das angenommene Rekapitulieren der vergangenen Monate durch ihre Mitmenschen echauffieren, als Leute, die tatsächlich genau diese Rekapitulation betreiben.
Ich finde das schade, denn ich mag Symbole, ich mag Rückblicke. Ich mag es, einen Tag zu erleben und mir auch zu gönnen, an dem ich nachsehe, was so alles war und hätte sein können und jetzt ist und vielleicht werden wird.

(»Was vielleicht werden wird« ist dabei übrigens mein Liebling, mein »Happy Place«, wenn ich nicht schlafen kann und das [nicht völlig zu Unrecht] viel gepriesene »Jetzt« schlicht kacke ist.)

Der letzte Tag des Jahres ist aus verschiedenen Gründen gut geeignet, dieser Neigung nachzugeben: Ich muss gemeinhin nicht arbeiten, die Stadt ist meist kalt, leer und ruhig, und alles bereitet sich auf einen schönen Abend mit Freunden vor.

(Heute bin ich zudem ein wenig kränklich, was mir immer als Ausrede dient, noch intensiver auf der Couch herumzuhängen, als ich das ohnehin tue.)

In der Vergangenheit hatte ich zum Glück häufig die Gelegenheit, diesen Tag mit Freunden zu begehen, bei festivalartigen Zusammenkünften über mehrere Tage. Wir gingen gemeinsam einkaufen, kochten mit tatkräftiger Unterstützung diverser Flaschen Wein, aßen, unternahmen Spaziergänge, spielten Partyspiele, aßen, hörten Musik, sahen Filme, aßen, teilten, was uns das Jahr über widerfahren war, aßen, tranken, aßen, purzelten übereinander, aßen, und um Mitternacht lagen wir uns in den Armen und freuten uns, dass wir einander kennen durften. Am nächsten Tag saßen wir mehr oder weniger verkatert in der Sauna und begannen das neue Jahr friedlich und aufgeräumt, ehe wir noch mehr aßen.

Nach diesen Tagen wieder nach Hause zu fahren, war immer einigermaßen hart.
Jetzt daran zu denken, dass es so bald keine dieser Jahresendzusammenkünfte mehr geben wird, ist noch härter.

Doch das hat nur am Rande mit 2016 zu tun; eigentlich nur insofern, als mein 2016 geprägt war von Erinnerungen an meine Freunde und meine Vergangenheit und all die Dinge, die so nicht wieder stattfinden werden, zumindest nicht in absehbarer Zukunft.
Das klingt dramatisch, als wären alle tot oder so. Dem ist natürlich nicht so, ich bin einfach nur umgezogen, das erste Mal in meinem Leben dauerhaft weg von daheim. Ich kam nicht mal besonders weit, gerade weit genug, dass ich mir ein neues Umfeld suchen und meine Zeit anders planen muss. Eine Umstellung, die gerade groß genug ist, dass sich alles anders und neu anfühlt und ich mich oft einsam.

Das wird sich vermutlich im Laufe des nächsten Jahres ändern, denn dieses Mal gibt es Vorsätze im Hause Turini!

Die Veränderungen der nahen Vergangenheit waren krass: Viele Menschen sind nicht mehr da, oder geografisch weit weg, oder emotional weit weg. Dafür sind zahlreiche neue Menschen in mein Leben getreten, mit einem davon habe ich mich sogar verlobt. Meine berufliche Situation ist völlig anders als früher, der Aufbau meiner freiberuflichen Tätigkeit hat Zeit, Geld und Nerven gekostet – zum Glück aber auch Zeit, Geld und Glück gebracht.
Jetzt will ich in aller Ruhe ausbauen, was ich angefangen habe & mich auf das zurückziehen, was ich kann und mag. Große Veränderungen oder wahnwitzige Pläne werde ich 2017 einfach mal nicht machen. Ich wünsche mir ruhiges Fahrwasser, will ein klein wenig Stabilität in mein Leben bringen und die neuen Beziehungen vertiefen.

Klingt langweilig, und vielleicht wird es das manchmal auch werden, aber es ist notwendig: Ankommen ist die Devise für die zwölf Monate, die vor mir liegen.

Was auch immer ihr euch alle vornehmt oder erhofft, ich erhebe mein Glas (und heute Abend wird es zahlreiche Gläser geben, die ich zu erheben gedenke) & proste euch zu & wünsche euch, dass es klappt.

Kurzurlaub

… und dann wachst du eines Tages auf und fühlst dich nicht gut und genaues Nachdenken bringt dich darauf, dass dein Unwohlsein einen einfachen Grund hat:

Du bist nicht, wer du zu sein glaubtest.

Das kann der Mutter passieren, die plötzlich feststellt, dass sie Kinder nicht leiden kann, oder dem Banker, der lieber Bäume retten will, oder der Schülerin, die statt ihres Freundes lieber die beste Freundin küssen will.

Es kann aber auch passieren, dass du gestern noch neidisch auf deinen Kumpel warst, der sechs Wochen in Thailand verbringen wird und es wütend auf „kein Geld“ und „keine Zeit“ geschoben hast, dass du so was niemals tust, und heute stellst du fest:

Nix da, Geld und Zeit ließen sich einrichten, du willst schlicht nicht sechs Wochen weg.

Kurz: Du wachst auf und stellst fest, dass du überhaupt kein verhinderter Globetrotter bist, sondern eine sehr erfolgreiche Couchpotato, ein Heimscheißer, einer der langweiligen Daheimaufmbalkonsitzer.

Was du doch eigentlich niemals sein wolltest.

 

Um nicht vollends die Achtung vor mir selbst zu verlieren, präge ich hiermit den Begriff „Permanentkurzurlauberin“.

Über die Liebe

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, deren schieres Sein mich auf eine Art fasziniert, die ich nicht erklären kann.

[Nein, es geht hier nicht um morbide Faszination, nicht um laute, ungehobelte, unangenehme und ganz und gar untragbare Leute, die ihre Dummheit hinter dumpfen Parolen verstecken wollen, was ein in sich unmögliches Unterfangen ist. Deren Existenz ist mir lediglich Ärgernis & Rätsel.]

Es geht hier um Menschen, die ich treffe, ansehe und vor denen ich ganz schnell zurückweiche, um aus dem Hintergrund sehnsüchtige Blicke und verirrte, meist erschreckend fehlgesetzte Worte zu werfen. Ich sollte weggehen, mich umdrehen und fliehen, machen, dass ich nach Hause komme.

Stattdessen bleibe ich sitzen, äuge, sehne, mache auf cool und komme mir dämlich vor.

Wie ein elender Teenager.

In unregelmäßigen Abständen begegnen mir – allen Vermeidungsversuchen zum Trotz – Menschen, in die ich mich verliebe.

In dich zum Beispiel, dessen Geschichten mich so berührt haben und dessen Ruhe und Gelassenheit mich immer wieder berühren.
Oder in dich mit der wundervollen Stimme und den schönen Worten.
In dich, der du mir Dekadenz mit Whisky und stundenlangen Gesprächen geschenkt hast, ehe du mir ein Zuhause wurdest.
In dich, den besten Indenarmnehmer der Welt.
Und in dich, der du einer von den Guten bist und mit dem ich redenredenreden will.
Oder in dich, die personifizierte Wunderbarkeit.

In unregelmäßigen Abständen treten Menschen in mein Leben, die es gefälligst nie wieder verlassen sollen, die gefälligst immer wieder meinen Weg kreuzen und mich neu in sich verliebt machen sollen.

Was sie unweigerlich tun.

[Für einen Abend; bis zum Wochenende; immer, wenn dieses Lied läuft, bei dem du damals in der kleinen Kneipe aufs Klo gegangen bist, um dann mit diesem Typen wiederzukommen, der dich schließlich mit nach Hause nehmen durfte; immer, wenn ich an dieser einen Stelle am Rhein sitze; jedes Mal, wenn ich am Flughafen vorbeifahre. Ewig.]

Es gibt kein Entkommen: Du sitzt doch schon in meinem Kopf. Du verwirrst doch schon mein Herz. Du verfolgst doch schon meine Träume.
Du stellst doch schon lange Dinge mit meiner Kunst an, du Judas.

Und jetzt will ich eben deine Stimme hören, deinen Geschichten lauschen, alles über dich erfahren, jede Erinnerung, jede obskure Idee, jede Sorge.
Ich will in dein Hirn kriechen und mir alles ganz genau ansehen.
Ich will die Kleinigkeiten in deinem Gesicht betrachten, die feinen Linien auf deiner Haut, die Farben in deinen Augen, die Form deiner Lippen.
Ich will Worte, die nur mir gelten.

Deine und deine und deine auch. Ohne Verpflichtung, vielleicht nicht mal exklusiv, aber immer wieder und wieder.

Die ewige Sehnsucht.

Über das Schaffen

»Ich habe eine Wassermelone getragen!«*
Schön wär’s. Könnte ich jetzt gar nicht mehr. Ich habe nämlich etwas anderes getragen.

Eine Küche.

Es gibt Leute, die jedem, der es hören will (oder auch nicht) gerne erzählen, dass es total klasse ist, wenn man seine Grenzen auslotet und sich selber überwindet. Sport soll schmerzen, Berge erklimmen macht Spaß und nächtelang wachbleiben high, zwölf gebratene Schweine kann man durchaus mal essen, auch wenn man dann kotzen muss.

Der Mann und ich können also auch ne Küche in die Wohnung schleppen.

Angeblich ist es im Anschluss mehr als befriedigend, das Geschaffte zu betrachten und sich klarzumachen, dass MAN DAS SELBER WAR! GANZ ALLEIN! WOW!

Der Mann und ich haben geschwitzt, gelitten, geflucht und es letzten Endes tatsächlich geschafft.

Haben wir uns selber überwunden?
Ich auf jeden Fall.

Haben wir weitergemacht, obwohl wir nicht mehr konnten?
Jupp.

War es hochgradig befriedigend, als alles geschafft war?
Nein.
Es hat wehgetan.

Würde ich es wieder tun?
Auf keinen Fall, niemals, um keinen Preis.

Was bleibt, ist eine schiefe, unfertige, nur halb-gemütliche Küche und Schmerz.
Seit Tagen sitzt er in meinem Rücken. Erbärmlich. Irrsinnig. Er brüllt mich bei jeder Bewegung an. »Turini, verdammte Scheiße! Was hast du dir dabei schon wieder gedacht?« Ich brülle dann zurück, dass ich doch einfach nur ne Küche wollte, nen Herd und ne Spüle und ein paar Schränke für Töpfe, damit ich endlich aufhören kann, Fertigsuppen aufzugießen.

Vielleicht werden die Schmerzen dereinst verblassen, Herr Gaffory und ich werden alt und runzlig in unseren Lehnstühlen sitzen, und er wird sagen »Weißt du noch, unsere erste gemeinsame Wohnung? Die in Mühlburg, mit der beschissenen Küche, die du so gehasst hast?«
Und ich werde milde lächelnd mein Strickzeug sinken lassen und sagen »Ja, ich erinnere mich. Das war lustig.«
Dann werden wir seufzen und uns an dem Gedanken erfreuen, dass wir mal selbständig waren und stark und in der Lage, uns zu überwinden und eine verfickte Küche in den zweiten Stock zu schleppen, zu zweit, stundenlang.

Vielleicht aber auch nicht.

*Der / die Erste, der / die mir den Film nennt, aus dem dieses Zitat stammt, bekommt ein signiertes Exemplar meines neuen Buches »Kopf hoch, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne«. Echt jetzt! Mail an: Simona [ät] lektorat-turini [punkt] de

Die Fenster der Stadt II

In dem türkisen Zimmer habe ich mich noch nie besonders wohl gefühlt.

Ich bevorzuge das rote Zimmer.

Tatsächlich habe ich Türkis als Wandfarbe nur deshalb gewählt, weil er es hasst. Ich wollte ihn damit nicht ärgern oder gegen mich aufbringen, ich wollte schlicht ein Zimmer in dieser viel zu großen Wohnung, das allein mich widerspiegelt, das nur nach meinem Willen gestaltet ist, das mir gehört.

Nicht ihm, nicht uns, nur mir.

Nennt es Trotz. Ich nenne es … keine Ahnung. Ich kann es nicht benennen, ich weiß nur, dass es mir ein Bedürfnis war.

Das türkise Zimmer ist das einzige mit Blick auf den Platz, und das ist auch der Grund, warum ich mich nun hier aufhalte: Ich stehe am Fenster und beobachte ihn.

Keine Ahnung, warum er da unten ist, jeden Tag, an dem ich hier stehe und hinaussehe. Er weiß doch gar nicht, dass ich immer am liebsten hier stand und auf den Platz schaute, die Leute beobachtete, den Auf- und Abbau des Marktes, die kleinen Lieferwagen, für die ganzen kleinen Läden in unserem Viertel, die Menschen, die hin und her laufen, manche mit Ziel, viele ohne.

Er ist jetzt einer von ihnen, und ich glaube, er tut es mit Absicht.

Hasst mich, verflucht mich, verleugnet meine Existenz, aber weigert sich gleichsam, mein Leben zu verlassen.

Seine Anwesenheit auf diesem Platz, meinem Platz, bedrängt mich, erinnert mich beständig an die Gefahr, in der ich Schwebe:

es gibt einen Menschen, der mich hasst.

Manchmal sind meine Freunde bei ihm, vormals unsere Freuende, die nun „meine“ und „seine“ zu sein scheinen. Nicht, dass sie sich von mir abgewandt hätten, es gibt nur jetzt kein „unser“ mehr, das „Wir“ ist vergangen, dafür habe ich gesorgt.

Keine Reue, nein, das nicht. Aber der Wunsch nach Ruhe, nach emotionalem Frieden.

Er blüht auf ohne mich und das sollte mich freuen. Doch es ist mir egal.

Er soll nur nicht mehr auf dem Platz herumlungern.

Er stellt Stiefel hinter eine Bank.

Morgen werde ich daran vorbei gehen, wenn ich selber in die Menge auf dem Platz eintauche, mit Ziel, schnellen Schrittes, und ich werde feststellen, dass ich diese Stiefel nie zuvor gesehen habe, es sind ganz und gar fremde Schuhe.

Braune, spitze Schnallenstiefel, gar nicht sein Stil.

Nach sechs Monaten schon so fremd, und dennoch lässt er mich einfach nicht in Ruhe, schleicht wie ein Poltergeist durch meine Welt, in der ich ihn nicht mehr haben will, und bedroht mich mit seiner Umtriebigkeit, seiner Kreativität.

Was, wenn sie ihn irgendwann mehr mögen als mich?

Was, wenn seine geselligen Beschäftigungen meine einsamen schlagen und sie alle auf seine Seite ziehen?

Was, wenn sich mein Wunsch nach Ruhe schließlich doch noch erfüllt und ich alleine zurück bleibe, im türkisen Zimmer mit dem Fenster auf den Platz, durch das ich die Menschen sehe, die alle ihre eigenen Geschichten haben, die nicht meine Geschichte sind, die ich nicht berühre?

Die Fenster der Stadt VI

Hinter den Fenstern ohne Vorhänge herrscht Einsamkeit.

Man sieht es sofort, sie sind nicht geputzt, werden langsam blind, ein leerer Blumenkasten verbreitet Trübsinn.

Diese Gegend war mal eine gute, war mal teuer. Jetzt wohnt hier niemand mehr, der Geld hat, sie sind alle weg und haben mitgenommen, was an dieser Gegend mal schön gewesen ist. Vorgärten verdorren. Wäscheleinen hängen durch. Manche Fenster sind zerschlagen und mit Sperrholzplatten und Plastikplanen notdürftig geflickt worden. Andere bleiben einfach offen.

Die Fenster ohne Vorhänge sind noch intakt. Die Wohnung, zu der sie gehören, ebenfalls. Sie ist genauso leer und ungepflegt wie ihr Bewohner, sie atmet dieselbe Einsamkeit. Auf einem zerschlissenen Sofa sitzt der zerschlissene Mann und sieht sich Werbung an, im winzigen Fernseher, auf dem er kaum etwas erkennen kann. Die quäkenden Stimmen aus dem Gerät trösten ihn auf eine Art, wie es echter menschlicher Kontakt schon lange nicht mehr schafft. Der Mann sieht sich nur noch Werbung an, denn die Spielfilme und Abendshows versteht er nicht. Er bevorzugt einfache, klare Klischees, übertriebene Fröhlichkeit und die Illusion, dass es irgendwo auf der Welt noch so etwas wie Glück gibt.

Es regnet. Der Mann bemerkt das nicht, er schaut schon lange nicht mehr aus dem Fenster.

Ich kann ihn sehen. Ich sehe ihn jeden Tag. Nicht mehr lange, dann hat der Dreck der Stadt die Fenster so sehr verkrustet, dass ich ihn nicht mehr werde sehen können. Dann werde ich vermutlich näher herangehen und ein wenig an der Scheibe reiben müssen, um zu sehen, wie er da sitzt. Aber vielleicht bringt das doch nichts, weil der Dreck der Stadt nicht abzuwischen ist und von innen Nikotin und Staub und Alter den Blick trüben.

Man hört den Fernseher Tag und Nacht, die laute Werbung, die bunte Welt, die es in Wahrheit nicht gibt.

Der Mann zündet sich eine Zigarette an und kuschelt sein Gesicht kurz in ein Stofftier, das er auf dem Schoß hält. Eine kleine Katze, grau, fast ohne Fell.

Man kann diesem Mann nicht mehr helfen, aber seine Hilflosigkeit hilft nun mir, lässt mich mein Leben in einem schöneren Licht betrachten, denn ich kann mir Spielfilme ansehen und einkaufen gehen und im Park spazieren und meine Fenster putzen.

Manchmal kann ich auch reden, mit Menschen, die mir begegnen, und manchmal habe ich dabei sogar Spaß. Ich weiß nicht, was passiert, wenn er mal nicht mehr in seiner leeren Wohnung sitzt und meine Einsamkeit für mich trägt.

Happier Times

Glückliche Erinnerungen sind Arschlöcher.

Wie Quallen schweben sie durch Dein Leben, wunderschön und faszinierend, ziehen vorbei, lassen Dich verwirrt im Wasser zurück und verbrennen Dich mit ihren Nesseln.

Besonders schmerzhaft sind die Großen, die mit den extra-langen Armen, die Dich besonders lange und gründlich verbrennen, bis Du vor Schmerzen nur noch weinen kannst. Die siehst du nicht mal.

Auf Quallenstiche soll man pinkeln, das hilft gegen den Schmerz.

Auf den Schmerz glücklicher Erinnerungen pinkelt man am besten auch.