In meinem Waschkeller

In meinem Waschkeller ist ein schwarzes Loch.
Es ist ziemlich klein, kaum größer als das Bullauge der Waschmaschine. Es schwebt kurz vor der Wand zum Weinkeller des Vermieters, in der Ecke, in der mein Wäscheständer darauf wartet, Kleidung zu trocknen.
Anfangs haben wir gewitzelt, dass darin bestimmt immer die Socken verschwinden, wenn nach dem Waschen mal wieder kein einziges Paar komplett zu sein scheint. Aber das schwarze Loch findet das nicht lustig. Es frisst nicht die Socken. Ich glaube, es frisst Seelen.
Mein Mann hat mal reingeschaut. Er mit seiner verdammten ewigen Neugier – hat einfach seinen Kopf hindurchgesteckt und sich ausgiebig umgesehen. Fasziniert beschrieb er mir Welten, Galaxien, ein ganzes Weltall im Innern unserer Wand. Nicht minder fasziniert lauschte ich seiner dumpf klingenden Stimme. Dann lief ich rüber in den Weinkeller, um zu sehen, ob auf der anderen Seite der Wand, auf der anderen Seite des Lochs, etwas zu sehen ist. Aber da ist nichts als blanker Putz.
Dann schrie mein Mann und ich rannte zurück.
Dann verstummte er.
Seitdem hat er nicht mehr gesprochen, kein Wort. Seitdem sieht er niemanden mehr an, starrt nur an uns vorbei ins Leere.
Ich frage mich, was er gesehen hat.
Ich frage mich, ob er es immer noch sieht.

In meinem Badezimmer

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Ein junges Mädchen, das immer weint.
Will ich mir die Zähne putzen, muss ich mich an ihr vorbei drängeln. Will ich mein Gesicht waschen, passe ich auf, sie nicht zu treten. Sie ist durchlässig, wie sie da mitten auf dem Teppich sitzt, ich könnte mir den Aufwand sparen und mich einfach in sie stellen. Aber es ist kalt, wo sie sitzt, sie ist kalt, und ihr Weinen macht mich nervös.

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Das Bad ist winzig und das Mädchen eigentlich schon groß. Für zwei ist es zu eng hier, zwischen Waschbecken und Badewanne. Ich bitte sie, Platz zu machen und sie sieht mich aus großen, tränenfeuchten Augen an und macht keinen Platz. Immerzu weint sie, aber ihr Gesicht ist glatt und blass und wunderschön, ihre Augen klar, ihre Lippen voll, ihr Haar seidig. Nicht wie ich, wenn ich weinen muss. Ich sehe aus, wie Menschen dann nun mal aussehen: Rot und verquollen, winzige, schnell zuschwellende Augen, die kaum noch etwas sehen, Rotz und Speichel und überhaupt viel zu viel Flüssigkeit im Gesicht.
Ich hasse den Geist dafür, dass sie so süß ist.
Ich hasse es, dass sie mein winziges Bad verstopft.
Ich hasse, wie sie mich anklagend betrachtet, wenn ich es wage, in meiner eigenen Wanne ein Bad zu nehmen.

Immer, wenn ich in der Badewanne fast ausrutsche, weil ich so ungeschickt an ihr vorbei hineinsteigen muss, trete ich sie. Mit Absicht. Trotz der Kälte. Immer weint sie, unbeeindruckt, und bleibt sitzen.

Ob sie will, dass ich stürze und mir das Genick breche?

In meinem Wohnzimmer

Ich liege auf der Couch in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. Ein Nachtfalter flattert hektisch herum – immer wieder prallt er mit Getöse gegen die Deckenlampe. Ich sollte aufstehen und sie ausschalten, damit das Licht nicht auch noch all seine Freunde anlockt.
Doch ich kann nicht aufstehen: Auf meiner Hand sitzt eine Spinne, klein & schwarz. Ich will sie nicht stören. Mit der anderen Hand halte ich die Fernbedienung, zappe herum. Es läuft überall Werbung. Die Spinne kriecht zwischen meinen Fingern herum, zieht schimmernde Fäden ihrer Seide hinter sich her.
So fragil – eine winzige Bewegung kann alles zerstören. Ich halte still.
Die Werbung nimmt kein Ende. Ich schalte den Fernseher aus. Der Fernseher schaltet sich wieder ein. Die kleine Spinne hat meine Hand komplett umwoben. Sie sitzt zufrieden auf meinem Arm. Gemeinsam bewundern wir ihr Meisterwerk.
Der Nachtfalter hat sich an meiner Lampe den hohlen Schädel eingeschlagen. Er liegt zuckend am Boden. Immer noch Werbung. Wieder schalte ich den Fernseher aus.
Die Spinne arbeitet an meinem Arm. Der Fernseher geht wieder an. Auf dem Bildschirm sehe ich, wie die Spinne meine Brust in ihre Seide hüllt, meinen anderen Arm, die Beine.
Jetzt kann ich den Fernseher nicht mehr ausschalten; dazu müsste ich die Hand heben und ihr Netz zerreißen.
Ein Grashüpfer kommt durchs Fenster und bleibt an meinem rechten Knie kleben. Die Spinne eilt zu ihm, fesselt ihn und saugt ihn gierig aus. Satt und zufrieden lächeln wir uns an. Der Fernseher schaltet auf Werbung.
Die Spinne beendet ihre Arbeit an meinem rechten Fuß und wandert an mir hoch, bis sie mein Gesicht erreicht. Glitzernde Fäden nehmen mir nach und nach die Sicht.
Ich kann mich nicht bewegen.

In meinem Schlafzimmer

In meinem Schlafzimmer steht ein Mann. Er steht neben der Tür, in der Ecke, beim Wäschekorb.

Groß und blass und mit hängenden Schultern blickt er zu mir rüber, die Augen müde.

Immer, wenn ich hinsehe, ist er weg.

AUF DEM DACH oder: Wie mir manchmal wirre Ideen kommen, wenn ich in der Gegend rumliege

Wenn man Yoga praktiziert, praktiziert man auch Meditation sowie Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

(Das klingt dröge, fühlt sich aber großartig an.)

Und manchmal, wenn so daliegt und seine Gedanken kommen und gehen lässt, locker und sanft und gaaaaanz entspannt, können entschieden merkwürdige Gedanken kommen.

Und womöglich nicht wieder gehen.

Zum Beispiel der, dass die Luft, die ein- und ausströmt und den Körper mit Prana, der Lebensenergie, versorgt, auch etwas ganz anderes sein könnte, das nicht einfach nur einströmt, Sauerstoff ablädt und wieder verschwindet, sondern etwas, das gewaltsam eindringt, sich breitmacht und absolut nicht daran denkt, wieder zu gehen.

Etwas, das einen verändert.

 

Beim Yoga kam mir die Idee zum Schicksal des Protagonisten meiner Erzählung in „Lückenfüller“, und beim Yoga habe ich dann auch den Rest entworfen.

(Es waren mehrere Übungsstunden, in denen ich so abgelenkt war, dass rein gar nichts funktionierte – aber am Ende hatte ich eine halbe Geschichte.)

(Immerhin.)

Den zweiten Teil kannte ich bereits, in gewisser Weise, denn seit ich diese aufschlussreiche Diskussion gelesen habe, ließ mich der Gedanke an Experimente mit Ameisen nicht mehr los …

Manchmal ist genau das mein Leben. Manchmal passt mir das ganz gut.

(Manchmal beschert es mir auch einfach Rückenschmerzen. Keine anständige Yoga-Praxis und so …)

 

Wer wissen will, wie die anderen Beiträge der Anthologie entstanden sind & welche merkwürdigen Gedanken meine werten Kollegen so hatten, der darf hier, hier und hier schauen!

TENTAKEL AHOI!!

Wie manch einer vielleicht mitbekommen hat, ist meine aktuelle Veröffentlichung eine ganz besondere: Meine liebe Freundin Claudia Rapp hat die Herausgeberschaft für eine ziemlich durchgeknallte Anthologie übernommen.

Es geht um Tentakel.

Und was man damit alles anstellen kann.

Und Sex.

Ich durfte mitmachen. Es war heiß!

Claudia hat auf ihrem Blog die Hintergründe ihres Beitrags beschrieben, und Sascha Schlüter (ebenfalls mit einer Geschichte vertreten) hat einen sehr feinen Trailer spendiert.

In den nächsten Tagen folgen mehr Hintergrundinfos zu der besten Anthologie des Jahres, die ihr hier als eBook und hier als streng limitiertes Hardcover bestellen könnt.

Greift zu, später gibt es das wunderhübsche Dinglein nicht mehr! NIE WIEDER!

Alles neu

Auf ein ruhiges Jahresende folgte ein chaotischer Jahresbeginn – ich lebe jetzt endlich mit Herrn Gaffory in Karlsruhe & richte mich hier nach & nach ein.

Trotzdem wird es ein neues Buch geben, nämlich „Kopf hoch, sagte der Silberfisch in meiner Badewanne“, das hoffentlich und mit viel Daumendrücken zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird.

Wer es dann in die Hand nehmen, es bewundern und darin blättern will, ist gerne eingeladen. Der Stand des Amrûn Verlags ist wieder in Halle 2 K308 – direkt neben der Fantasy-Leseinsel.

Vermutlich schleiche ich immer mal wieder dort herum, denn mir wurde Schnaps versprochen. Aber am Freitag von 13 bis 14 Uhr bin ich ganz offiziell und auf jeden Fall dort, zum Meet & Greet zusammen mit meinen lieben Kolleginnen Faye Hell & Claudia Rapp.

Wir sehen uns in Leipzig!

Ein neuer Roman wächst & gedeiht

Die Dunkelheit wollte nicht weichen, das wollte sie nie. Die Frau lag in ihrem Bett, der Wecker quäkte seinen ohrenzerfetzenden Ton, aber sie hatte nicht die Kraft, ihn abzustellen. Schließlich rollte sie sich stöhnend auf die Seite und schlug auf das Gerät.
Stille.
Sie blieb auf der Seite liegen, die Hand auf dem Wecker, und starrte die Leuchtziffern an. Früh war es. Zu früh. Immer zu früh, denn sie lebte bevorzugt in der Nacht, in den Lichtern der Straßenlaternen und Autoscheinwerfer und verlassenen Schaufenster geschlossener Geschäfte, Neonschilder der Kneipen. Doch das war einem geregelten Broterwerb nicht zuträglich, also musste sie sich wohl oder übel aus dem Bett kämpfen.
Sie tat es fluchend, wobei sie hoffte, damit den Schmerz in ihrem Körper und ihre bleierne Müdigkeit besser ertragen zu können. Es funktionierte nicht, ihre Beine fühlten sich an wie in Blei gegossen, ihr Rücken brannte, Schwindel ließ sie zurück auf die Matratze sinken.
Als sie sich endlich aufraffen konnte, zog sie die schweren Vorhänge vor den Schlafzimmerfenstern zurück und öffnete die Balkontür. Draußen war es kalt. Autos schoben sich dicht an dicht die Hauptstraße entlang. Sie lehnte sich gegen die gekippte Glasscheibe und atmete den Gestank der Stadt ein. Normales Leben da draußen. Alltag.
Weder Licht noch Lärm vermochten das nagende Gefühl abzumildern, dass etwas nicht stimmte. Die Dunkelheit, die nicht weichen konnte, egal, wie viele Vorhänge sie öffnete, egal, wie viel Lärm und Kälte und Licht sie in ihre Wohnung einlud, egal, wie viele Stunden sie sich mit wohlmeinenden Menschen umgab oder sich von einem Orgasmus in den nächsten fallen ließ. Es war ihre Dunkelheit, sie war in ihr, sie war ewig.
Die morgendlichen Verrichtungen waren mühselig; duschen, Kaffee kochen, ein Stück Brot hinunterwürgen, ehe es Schimmel ansetzen konnte, Kleidung für den Tag überstreifen.
Mit der Kaffeetasse am Küchentisch, das Radio dudelte im Hintergrund fröhliche Musik, bemühte sie sich um ein wenig Ablenkung, ein wenig Blödsinn in ihrem Kopf, um die Dunkelheit zumindest abzudrängen, auf dass sie würde arbeiten können.
Sie war nicht über Nacht in ein Ungetüm verwandelt worden. Sie war auch nicht in eine frühere oder zukünftige Zeit versetzt, in eine andere Dimension geschleudert, von Außerirdischen entführt oder von einem Yeti besucht worden. Das war zwar langweilig, aber gleichzeitig zutiefst beruhigend.
Sie nippte an dem Kaffee und stellte sich vor, er sei zu heiß, würde sie verbrennen; nein: würde sie verätzen. Es brannte, brannte wie Feuer. Schreien, um Hilfe rufen – unmöglich, denn ihre Zunge war weg, einfach weg. Ein blutiges Loch in ihrem Gesicht, mehr war ihr Mund nicht mehr. Und es fraß sich weiter, tiefer, immer tiefer in ihren Körper. Brennender Schmerz breitete sich in ihrem Magen aus, in ihrem Darm. Sie fiel kraftlos zu Boden, der Boden unter ihr wurde rau von der Säure, stinkende Rauchschwaden stiegen von dem sich auflösenden Linoleum empor und verursachten ihr Übelkeit. Ihr Kopf sank zu Boden und sie ergab sich in ihr Sterben, ließ den durchlöcherten Körper einfach auslaufen, sich vollständig verflüssigen.
Nun stahl sich endlich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Ihr Therapeut sorgte sich, dass nur solche Todesphantasien sie aufzuheitern vermochten, doch solange die Dunkelheit ihr ständiger Begleiter war, würde sich daran nichts ändern.

——–

Work in progress

Die Fenster der Stadt VI

Hinter den Fenstern ohne Vorhänge herrscht Einsamkeit.

Man sieht es sofort, sie sind nicht geputzt, werden langsam blind, ein leerer Blumenkasten verbreitet Trübsinn.

Diese Gegend war mal eine gute, war mal teuer. Jetzt wohnt hier niemand mehr, der Geld hat, sie sind alle weg und haben mitgenommen, was an dieser Gegend mal schön gewesen ist. Vorgärten verdorren. Wäscheleinen hängen durch. Manche Fenster sind zerschlagen und mit Sperrholzplatten und Plastikplanen notdürftig geflickt worden. Andere bleiben einfach offen.

Die Fenster ohne Vorhänge sind noch intakt. Die Wohnung, zu der sie gehören, ebenfalls. Sie ist genauso leer und ungepflegt wie ihr Bewohner, sie atmet dieselbe Einsamkeit. Auf einem zerschlissenen Sofa sitzt der zerschlissene Mann und sieht sich Werbung an, im winzigen Fernseher, auf dem er kaum etwas erkennen kann. Die quäkenden Stimmen aus dem Gerät trösten ihn auf eine Art, wie es echter menschlicher Kontakt schon lange nicht mehr schafft. Der Mann sieht sich nur noch Werbung an, denn die Spielfilme und Abendshows versteht er nicht. Er bevorzugt einfache, klare Klischees, übertriebene Fröhlichkeit und die Illusion, dass es irgendwo auf der Welt noch so etwas wie Glück gibt.

Es regnet. Der Mann bemerkt das nicht, er schaut schon lange nicht mehr aus dem Fenster.

Ich kann ihn sehen. Ich sehe ihn jeden Tag. Nicht mehr lange, dann hat der Dreck der Stadt die Fenster so sehr verkrustet, dass ich ihn nicht mehr werde sehen können. Dann werde ich vermutlich näher herangehen und ein wenig an der Scheibe reiben müssen, um zu sehen, wie er da sitzt. Aber vielleicht bringt das doch nichts, weil der Dreck der Stadt nicht abzuwischen ist und von innen Nikotin und Staub und Alter den Blick trüben.

Man hört den Fernseher Tag und Nacht, die laute Werbung, die bunte Welt, die es in Wahrheit nicht gibt.

Der Mann zündet sich eine Zigarette an und kuschelt sein Gesicht kurz in ein Stofftier, das er auf dem Schoß hält. Eine kleine Katze, grau, fast ohne Fell.

Man kann diesem Mann nicht mehr helfen, aber seine Hilflosigkeit hilft nun mir, lässt mich mein Leben in einem schöneren Licht betrachten, denn ich kann mir Spielfilme ansehen und einkaufen gehen und im Park spazieren und meine Fenster putzen.

Manchmal kann ich auch reden, mit Menschen, die mir begegnen, und manchmal habe ich dabei sogar Spaß. Ich weiß nicht, was passiert, wenn er mal nicht mehr in seiner leeren Wohnung sitzt und meine Einsamkeit für mich trägt.