Der Fernseher

Als Hank an diesem Morgen zum Joggen das Haus verließ, bemerkte er einen Fernseher auf dem Rasenstück neben der Straße. Es war ein uraltes Röhrengerät, wie es niemand mehr benutzte. Hank fiel auf, dass er schon seit einer Ewigkeit keinen solchen Fernseher mehr gesehen hatte. Selbst die runtergekommenste Kneipe im übelsten Viertel der Stadt, wo sich die Säufer 24 Stunden lang die Klinke in die Hand gaben, um das Bier für Eins Fünfzig zu kippen, hingen mittlerweile moderne Flachbildfernseher.
Riesengroß und sicher unheimlich schwer stand der Fernseher im Grün und schien ihn anzugrinsen. Der Bildschirm glänzte in der Morgensonne. Dahinter meinte Hank eine Bewegung zu erkennen. Er beugte sich runter, um die leicht gewölbte Mattscheibe genauer betrachten zu können. Nichts.
Natürlich war da nichts, es war schließlich nur ein Fernseher, nass vom Regen der vergangenen Nacht und vermutlich längst nicht mehr funktionstüchtig.
Hank richtete sich wieder auf und lief los. Überall an der Straße standen und lagen Möbel, Kisten und Stapel von alten Zeitungen. Es war wohl Sperrmülltag. Der höchste Feiertag für die Kinder des Viertels – und für die Typen, die immer mit ihren Kastenwagen herumfuhren und Metallschrott einsammelten.
Als Hank sich eingelaufen und sein Tempo gefunden hatte, gab er sich Erinnerungen an seine eigene Kindheit hin. Er war nicht in der Großstadt aufgewachsen, sondern in einem etwas größeren Dorf. Sie hatten bereits einen Bahnhof gehabt, dafür aber noch einen Milchmann, eine Bushaltestelle, die sogar von zwei verschiedenen Linien angefahren wurde, aber anstelle eines Supermarktes nur einen Tante-Emma-Laden. Einmal im Jahr war auch dort der Sperrmüll geholt worden, zu einem festen Termin im Frühjahr.
Hank und seine Freunde hatten sich an jenem Tag immer schon auf dem Weg zur Schule ausgeguckt, was sie gerne haben wollten. Groß war jedes Mal die Enttäuschung gewesen, wenn auf dem Rückweg am Mittag die besten Sachen schon weg gewesen waren, oder der Abholdienst schneller gewesen war als die Kinder. Dann waren die Straßen bis auf ein paar traurige Überbleibsel wieder leer und langweilig gewesen.
Er lächelte bei der Erinnerung.
Nach einer Stunde kehrte er verschwitzt und erschöpft zurück zu seinem Wohnhaus. Der Fernseher war noch da und schien Hank anzusehen … das Gerät wirkte irgendwie … hämisch, wie es da breit und schwer auf dem Boden stand, als wäre es schon immer da gewesen. Als gehörte es hierher. Wer mochte das Ding abgestellt haben? Hank kannte nicht alle seine Nachbarn, aber da hier außer dem Fernseher nichts weiter stand, konnte er sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen den Sperrmülltag genutzt hatte, um ebenfalls etwas loszuwerden. Es erschien ihm irgendwie … falsch, dass das Gerät hier aufgetaucht war.
Schwitzend und ein wenig keuchend stand er vor dem Fernseher und betrachtete ihn nachdenklich. Das Teil war unfassbar hässlich, sofern ein Fernseher hässlich sein konnte. Das Gehäuse wirkte klebrig und war gelb verfärbt, als hätte er viele Jahre in einem Zimmer mit einem starken Raucher verbracht. Die Rückseite war massiv gewölbt, wie ein Buckel, in dem die technischen Innereien untergebracht waren. Nach ein paar Minuten kam Hank sich dumm vor, wie er hier einen alten Fernseher bewertete, als ginge es um eine Misswahl, und kehrte kopfschüttelnd in seine Wohnung zurück, wo er duschte und sich dann an die Arbeit machte.
Den ganzen Tag lang rumorte es unten auf der Straße. Auto um Auto fuhr langsam umher und inspirierte den Müll der Bewohner, immer wieder wurde angehalten und Zeug eingeladen, das man irgendwie zu Geld machen konnte.
Hank fiel es schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Andauernd fand er sich am Fenster wieder und blickte auf die Straße. Der Schutt vor den Nachbarhäusern wurde stetig weniger. Der Fernseher stand noch da.
Am nächsten Morgen hatten die Plünderer und die offiziellen Abholer der Stadt allen Müll eingesammelt. Nur der Fernseher stand noch vor Hanks Tür und schien ihn schon wieder anzugrinsen, als er wie jeden Morgen zum Joggen runterkam.
Hank ärgerte sich.
Warum hatten sie das Ding stehenlassen? Er ging zu dem Gerät hin und stellte fest, dass Kabel und Fernbedienung fehlten. Na toll, das war es also wert gewesen, das Gerät selber aber nicht.
Und warum hatten die Jungs der Stadt es nicht mit dem ganzen übrigen Schrott entsorgt?
Verärgert begann Hank mit seiner Laufrunde. Bei seiner Rückkehr stand der Fernseher etwas näher am Haus, die Mattscheibe Hank zugewandt, als er in seine Straße einbog. Jemand war also da gewesen und hatte das Teil bewegt. Vielleicht hätte der jemand es ja mitgenommen, wenn nicht das Kabel fehlen würde.
Hank blieb unschlüssig vor dem Fernseher stehen. War er etwa noch größer geworden? Es war ein gigantischer Berg veralteter Technik. Die Grashalme an der Stelle, an der er vorher gestanden hatte, waren niedergedrückt und gelb. Als hätte der Fernseher schon wochenlang das Licht von ihnen ferngehalten und sie zerquetscht. Und das nach nur einer Nacht?
Hank beschloss, bei der Stadtverwaltung anzurufen und darum zu bitten, dass der Fernseher abgeholt würde.
Die Dame von der Stadt war wenig kooperativ. »Elektroschrott gehört nicht auf den Sperrmüll, der wird nie mitgenommen, den müssen Sie gesondert anmelden«, leierte sie runter, als hätte sie diesen Text heute schon zigfach wiedergegeben.
»Das weiß ich. Es ist auch überhaupt nicht mein Fernseher. Den hat irgendjemand vor unser Haus gestellt, auf die Grünfläche. Die gehört nicht mal zum Grundstück, das ist schon Stadtgebiet. Das ist wilder Müll, verstehen Sie?«
Sie verstand. Gelangweilt versprach sie, dass sich noch heute jemand der Sache annehmen würde.
Auch heute ertappte sich Hank dabei, dass er seine Arbeit nur unkonzentriert erledigte und immer wieder ans Fenster ging, um nach unten zu spähen und nach dem Fernseher zu schauen. Jedes Mal stand das Gerät an einer anderen Stelle. Mal war der Bildschirm zur einen Seite der Straße gewandt, mal zur anderen. Doch egal, wie oft Hank zum Fenster ging, nie erwischte er die Leute, die sich an dem Ding zu schaffen machten. Schließlich blickte der Fernseher zum Haus.
Er hat mich endlich gefunden, dachte Hank mit einem Schaudern und kam sich gleich darauf albern vor.
Doch er konnte nicht verhindern, dass ihm der Anblick des Gerätes eine diffuse Angst einjagte.
Als es dunkel wurde, stand der Fernseher immer noch da, immer noch dem Haus zugewandt. Hank ging runter. Der Fernseher grinste ihn an. Ein leises Flackern lief über den Bildschirm, ein kleines Zucken, so als wäre er gerade ausgeschaltet worden und das Bild würde in einem Lichtblitz verschwinden. Hank wusste, dass das unmöglich war. Die Scheinwerfer irgendeines Autos mussten sich in dem Glas gespiegelt haben.
Er wollte den Fernseher wieder näher an die Straße stellen und vor allem umdrehen. Dabei kam er sich zwar dumm vor, aber er fühlte sich nun mal unangenehm von dem Gerät beobachtet.
Hank beugte sich zu dem Fernseher, um ihn hochzuheben. Kaum hatte er den Rahmen gepackt, zuckte ein flammendheißer Stoß puren Schmerzes durch seine Hände und Arme. Instinktiv ließ er los und machte einen Satz nach hinten, stolperte über die Bordsteinkante und prallte hart auf den Asphalt. Sein Steißbein antwortete mit ebenso massivem Schmerz auf diese Misshandlung. Hank schrie gequält auf.
Er rollte sich auf der Seite liegend zusammen und rieb sich hektisch die Hände. Dabei ließ er den Fernseher nicht aus den Augen. Misstrauisch spähte er zu dem Gerät, das unverändert höhnisch zu grinsen schien. Aus dieser Perspektive konnte er nun auch endlich erkennen, woher dieser absurde Eindruck rührte: Der Schriftzug des Herstellernamens, normalerweise einigermaßen dezent aber lesbar unten an der Vorderseite des Gehäuses aufgedruckt, war bei diesem Fernseher fast schon übertrieben groß und mit leicht erhabenen, silbern schimmernden Buchstaben so aufgeklebt, dass der Eindruck eines breiten Mundes entstand. Zumindest nahm Hank es so wahr – er neigte dazu, zufällige Muster zu Gesichtern zusammenzusetzen. Wie hieß diese Sache noch mal bei den Psychologen? Pareidolie. Er hatte mal darüber gelesen, dass es im Grunde jedem Menschen so ging, man suchte immer Vertrautes im Chaos.
Hank schob seine sinnlosen Gedanken beiseite und erhob sich in eine hockende Position. Der Markenname des Fernsehers hatte ihn neugierig gemacht – etwas stimmte damit nicht.
Langsam beugte er sich nach vorne. »G-R-A-Y-S-O-N.«
Hank runzelte die Stirn. Grayson? Das hatte er noch nie gehört. Es musste irgendein Billig-Hersteller sein. Das würde auch erklären, warum er sich an dem Gehäuse einen derart schweren Stromschlag eingefangen hatte. Die billige Verarbeitung hatte womöglich dafür gesorgt, dass im Inneren des Gerätes irgendwelche Kabel oder Spulen oder Kondensatoren die Spannung gehalten und jetzt an ihn abgegeben hatten.
So oder so ähnlich. In Wahrheit kannte Hank sich mit solchen Dingen absolut nicht aus. Und hätten dann nicht auch die Möchtegern-Vandalen, die den Fernseher den ganzen Tag lang hin und her geschoben hatten, einen Schlag kriegen müssen? Vielleicht hatten sie ihn deshalb nicht mitgenommen.
Trotzdem konnte Hank nicht einfach von seinem ursprünglichen Plan abrücken. Der Fernseher war ihm entschieden unheimlich, er wollte nicht, dass das Gerät so nah an seinem Haus stand. Mit einem Ast aus seinem Vorgarten stocherte er vorsichtig an dem Gehäuse herum, konnte aber nichts feststellen, das darauf schließen ließ, dass es weiter unter Strom stand. Was vermutlich sowieso unmöglich war. Hank nahm all seinen Mut zusammen und dieses Mal konnte er den Fernseher tatsächlich problemlos berühren.
Er wuchtete ihn hoch und stellte entsetzt fest, dass er sogar noch schwerer war, als er aussah. Mit zwei Schritten wollte er das Teil näher an die Straße bringen und beim Abstellen auch gleich umdrehen, doch plötzlich entglitt es seinen Fingern und ehe er reagieren konnte, krachte der Fernseher auf seinen linken Fuß.
Hank schrie nicht nur, er brüllte regelrecht. Der Schmerz war unbegreiflich. Ein Brennen, Reißen, Quetschen, alles zugleich und in einer Intensität, die alle anderen Empfindungen ausblendete. Vor seinen Augen explodierten Sterne.
Rasend vor Schmerzen trat er mit dem rechten Fuß gegen den Fernseher, der daraufhin zur Seite kippte und seinen linken Fuß freigab. Hanks weicher Turnschuh aus schwarzem Stoff sah merkwürdig flach aus. Er war sicher, dass der Fuß gebrochen war, wollte aber keinesfalls hier und jetzt eine weitere Untersuchung vornehmen. Wütend spuckte er den Fernseher an. Gleich darauf blickte er sich peinlich berührt um, ob ihn womöglich einer der Nachbarn in dieser absurden Situation beobachtet hatte, und humpelte, als er niemanden entdeckte, stöhnend zurück ins Haus.
Der Weg die Treppe hinauf in seine Wohnung glich einem Spaziergang über glühende Kohlen. Sein Steißbein brannte, der Fuß pochte und schickte bei jedem Schritt sengende Schmerzen durch seinen Körper.
Oben angekommen löste er vorsichtig die Schnürung seines Schuhs und zog ihn so behutsam, wie seine zitternden Hände es zuließen, aus. Sein Fuß war nicht platt, wie er es unten vor dem Haus zunächst vermutet hatte. Stattdessen schwoll er bereits stark an, die Haut verfärbte sich rötlich und blau und der große Zehennagel blutete. Eine Berührung war nicht möglich, er zuckte gequält zusammen, als er es versuchte.
Sicher waren mehrere Knochen gebrochen.
Er musste in ein Krankenhaus, also rief er ein Taxi und wählte nach kurzer Überlegung danach erneut die Nummer der Stadtverwaltung. Wie durch ein Wunder kam er sofort durch. Keine Warteschleife für den verletzten Hank!
So gelassen wie möglich setzte er dem gelangweilten Studenten, der offensichtlich den Spätdienst in der Behörde abbekommen hatte, auseinander, dass der wilde Müll vor seinem Haus noch immer nicht entsorgt war. Der Kerl am anderen Ende der Leitung versprach Abhilfe, ja, noch heute, ließ sich nochmals die Adresse bestätigen und legte dann auf.
Als der Taxifahrer klingelte, schlüpfte Hank mit dem verletzten Fuß vorsichtig in einen alten, ausgelatschten Wollpantoffel und hinkte nach unten.
Der Fuß war tatsächlich gebrochen. Erst spät in der Nacht kam Hank mit einem überdimensionalen Gips und Krücken nach Hause zurück – wieder mit einem Taxi. Diese unerwartete Ausgabe schmälerte sein Zigarettenbudget für diese Woche. Trotzdem zündete er sich sofort eine an, als er ausgestiegen war, und rauchte vor dem Haus. Dabei betrachtete er sehr zufrieden die Flecken braunen, platt gedrückten Grases, auf denen sich einzelne Halme schon wieder aufzurichten begannen.
Er hatte gewonnen. Er hatte gekämpft, er hatte Rückschläge und schwere Verluste hinnehmen müssen, er war demoralisiert worden – aber letzten Endes hatte er gewonnen. Der Fernseher war weg.