Unselige Uhrzeiten

Irgendein Geräusch in diesem merkwürdigen Haus hat mich geweckt.
Irgendein Geräusch oder einer meiner wirren Träume.
Stockdunkel ist es. Die dreckigen Plastikvorhänge schließen dicht und auch draußen mag es noch dunkel sein, in diesem Dorf mit seinen schlechten Restaurants und einfallslosen Bauten und viel zu wenig Landschaft, die die öden Straßen einrahmt.
Mit trockenem Mund wälze ich mich herum. Das Bett ist schmal, zu schmal, fast rutscht die dicke Decke zu Boden. Ich rette sie vor dem Absturz und kuschle mich ein.
Müdigkeit hemmt meine Bewegungen und meinen Geist. Ich blinzle in die Nacht und blicke in rote Augen. Kurz denke ich an irgendein LED-Licht, ein Gerät nahe der Außenwand des deprimierenden Zimmers. Aber da steht nichts, das weiß ich, da steht nur der Schrank, in den ich tags meinen Koffer gepackt habe. Gepäck rein, Tür zu, ein Bier aus der Minibar in dem schäbigen Sessel, eine rasche Dusche, ab zum Termin. So lief das ab.
Es steht kein Wecker auf dem Schrank. Keine Uhr.
Also doch Augen statt LEDs.
Ich habe nicht daran gedacht, meine Augen einfach wieder zu schließen und weiterzuschlafen. Sie sind noch offen, schauen noch, gewöhnen sich mehr und mehr an das Dunkel.
Augen, rot, wie kleine Lichter, drum herum eine Gestalt, etwas dunkler als die umgebende Nacht.
Nah.
Die Gestalt kauert auf dem Bett neben meinem, dem überflüssigen, einen halben Meter nur entfernt. Reglos. Sie schaut nur, die Gestalt.
Habe ich jemanden mitgenommen? Einen Kollegen überredet, nicht nach Hause zu fahren, lieber noch ein Bier zu trinken und auf ein Gespräch zu bleiben? Nein, auf keinen Fall – der Tag war lang, ich irgendwann müde. Ich bin alleine ins Hotel gegangen, habe alleine meine Kleider abgelegt, mich gewaschen und ein Glas Wasser getrunken. Und ganz sicher bin ich anschließend allein ins Bett gegangen, habe den Tag Revue passieren lassen, bin eingeschlafen.
Trotzdem sitzt da wer und guckt.
Rot.
Leuchtend.
Der LED-Wecker-Dämon aus den Tiefen der Hölle? Eher nicht: Die Folter des zu frühen Aufstehens läutet traditionell mein Handy ein.
Kurz erwäge ich, Licht zu machen, um die Kreatur genauer sehen zu können. Den Sukkubus zu vertreiben. Oder auch sehen zu können, dass da gar nichts sitzt, nichts kauert und guckt. Vielleicht noch ein Glas Wasser trinken und wieder schlafen.
Da hat mein träges Hirn aber schon entschieden, dass mehr Schlaf die bessere Variante ist und meinen Lidern den Befehl erteilt, sich zu senken.
Gleich bin ich wieder eingekuschelt, warm und schwer. Gleich werde ich wieder schlafen, zu dieser unseligen Uhrzeit, zu der man nur wach sein sollte, wenn man noch nicht im Bett war.
Gut so.