In meinem Badezimmer

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Ein junges Mädchen, das immer weint.
Will ich mir die Zähne putzen, muss ich mich an ihr vorbei drängeln. Will ich mein Gesicht waschen, passe ich auf, sie nicht zu treten. Sie ist durchlässig, wie sie da mitten auf dem Teppich sitzt, ich könnte mir den Aufwand sparen und mich einfach in sie stellen. Aber es ist kalt, wo sie sitzt, sie ist kalt, und ihr Weinen macht mich nervös.

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Das Bad ist winzig und das Mädchen eigentlich schon groß. Für zwei ist es zu eng hier, zwischen Waschbecken und Badewanne. Ich bitte sie, Platz zu machen und sie sieht mich aus großen, tränenfeuchten Augen an und macht keinen Platz. Immerzu weint sie, aber ihr Gesicht ist glatt und blass und wunderschön, ihre Augen klar, ihre Lippen voll, ihr Haar seidig. Nicht wie ich, wenn ich weinen muss. Ich sehe aus, wie Menschen dann nun mal aussehen: Rot und verquollen, winzige, schnell zuschwellende Augen, die kaum noch etwas sehen, Rotz und Speichel und überhaupt viel zu viel Flüssigkeit im Gesicht.
Ich hasse den Geist dafür, dass sie so süß ist.
Ich hasse es, dass sie mein winziges Bad verstopft.
Ich hasse, wie sie mich anklagend betrachtet, wenn ich es wage, in meiner eigenen Wanne ein Bad zu nehmen.

Immer, wenn ich in der Badewanne fast ausrutsche, weil ich so ungeschickt an ihr vorbei hineinsteigen muss, trete ich sie. Mit Absicht. Trotz der Kälte. Immer weint sie, unbeeindruckt, und bleibt sitzen.

Ob sie will, dass ich stürze und mir das Genick breche?