Der Fernseher

Als Hank an diesem Morgen zum Joggen das Haus verließ, bemerkte er einen Fernseher auf dem Rasenstück neben der Straße. Es war ein uraltes Röhrengerät, wie es niemand mehr benutzte. Hank fiel auf, dass er schon seit einer Ewigkeit keinen solchen Fernseher mehr gesehen hatte. Selbst die runtergekommenste Kneipe im übelsten Viertel der Stadt, wo sich die Säufer 24 Stunden lang die Klinke in die Hand gaben, um das Bier für Eins Fünfzig zu kippen, hingen mittlerweile moderne Flachbildfernseher.
Riesengroß und sicher unheimlich schwer stand der Fernseher im Grün und schien ihn anzugrinsen. Der Bildschirm glänzte in der Morgensonne. Dahinter meinte Hank eine Bewegung zu erkennen. Er beugte sich runter, um die leicht gewölbte Mattscheibe genauer betrachten zu können. Nichts.
Natürlich war da nichts, es war schließlich nur ein Fernseher, nass vom Regen der vergangenen Nacht und vermutlich längst nicht mehr funktionstüchtig.
Hank richtete sich wieder auf und lief los. Überall an der Straße standen und lagen Möbel, Kisten und Stapel von alten Zeitungen. Es war wohl Sperrmülltag. Der höchste Feiertag für die Kinder des Viertels – und für die Typen, die immer mit ihren Kastenwagen herumfuhren und Metallschrott einsammelten.
Als Hank sich eingelaufen und sein Tempo gefunden hatte, gab er sich Erinnerungen an seine eigene Kindheit hin. Er war nicht in der Großstadt aufgewachsen, sondern in einem etwas größeren Dorf. Sie hatten bereits einen Bahnhof gehabt, dafür aber noch einen Milchmann, eine Bushaltestelle, die sogar von zwei verschiedenen Linien angefahren wurde, aber anstelle eines Supermarktes nur einen Tante-Emma-Laden. Einmal im Jahr war auch dort der Sperrmüll geholt worden, zu einem festen Termin im Frühjahr.
Hank und seine Freunde hatten sich an jenem Tag immer schon auf dem Weg zur Schule ausgeguckt, was sie gerne haben wollten. Groß war jedes Mal die Enttäuschung gewesen, wenn auf dem Rückweg am Mittag die besten Sachen schon weg gewesen waren, oder der Abholdienst schneller gewesen war als die Kinder. Dann waren die Straßen bis auf ein paar traurige Überbleibsel wieder leer und langweilig gewesen.
Er lächelte bei der Erinnerung.
Nach einer Stunde kehrte er verschwitzt und erschöpft zurück zu seinem Wohnhaus. Der Fernseher war noch da und schien Hank anzusehen … das Gerät wirkte irgendwie … hämisch, wie es da breit und schwer auf dem Boden stand, als wäre es schon immer da gewesen. Als gehörte es hierher. Wer mochte das Ding abgestellt haben? Hank kannte nicht alle seine Nachbarn, aber da hier außer dem Fernseher nichts weiter stand, konnte er sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen den Sperrmülltag genutzt hatte, um ebenfalls etwas loszuwerden. Es erschien ihm irgendwie … falsch, dass das Gerät hier aufgetaucht war.
Schwitzend und ein wenig keuchend stand er vor dem Fernseher und betrachtete ihn nachdenklich. Das Teil war unfassbar hässlich, sofern ein Fernseher hässlich sein konnte. Das Gehäuse wirkte klebrig und war gelb verfärbt, als hätte er viele Jahre in einem Zimmer mit einem starken Raucher verbracht. Die Rückseite war massiv gewölbt, wie ein Buckel, in dem die technischen Innereien untergebracht waren. Nach ein paar Minuten kam Hank sich dumm vor, wie er hier einen alten Fernseher bewertete, als ginge es um eine Misswahl, und kehrte kopfschüttelnd in seine Wohnung zurück, wo er duschte und sich dann an die Arbeit machte.
Den ganzen Tag lang rumorte es unten auf der Straße. Auto um Auto fuhr langsam umher und inspirierte den Müll der Bewohner, immer wieder wurde angehalten und Zeug eingeladen, das man irgendwie zu Geld machen konnte.
Hank fiel es schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Andauernd fand er sich am Fenster wieder und blickte auf die Straße. Der Schutt vor den Nachbarhäusern wurde stetig weniger. Der Fernseher stand noch da.
Am nächsten Morgen hatten die Plünderer und die offiziellen Abholer der Stadt allen Müll eingesammelt. Nur der Fernseher stand noch vor Hanks Tür und schien ihn schon wieder anzugrinsen, als er wie jeden Morgen zum Joggen runterkam.
Hank ärgerte sich.
Warum hatten sie das Ding stehenlassen? Er ging zu dem Gerät hin und stellte fest, dass Kabel und Fernbedienung fehlten. Na toll, das war es also wert gewesen, das Gerät selber aber nicht.
Und warum hatten die Jungs der Stadt es nicht mit dem ganzen übrigen Schrott entsorgt?
Verärgert begann Hank mit seiner Laufrunde. Bei seiner Rückkehr stand der Fernseher etwas näher am Haus, die Mattscheibe Hank zugewandt, als er in seine Straße einbog. Jemand war also da gewesen und hatte das Teil bewegt. Vielleicht hätte der jemand es ja mitgenommen, wenn nicht das Kabel fehlen würde.
Hank blieb unschlüssig vor dem Fernseher stehen. War er etwa noch größer geworden? Es war ein gigantischer Berg veralteter Technik. Die Grashalme an der Stelle, an der er vorher gestanden hatte, waren niedergedrückt und gelb. Als hätte der Fernseher schon wochenlang das Licht von ihnen ferngehalten und sie zerquetscht. Und das nach nur einer Nacht?
Hank beschloss, bei der Stadtverwaltung anzurufen und darum zu bitten, dass der Fernseher abgeholt würde.
Die Dame von der Stadt war wenig kooperativ. »Elektroschrott gehört nicht auf den Sperrmüll, der wird nie mitgenommen, den müssen Sie gesondert anmelden«, leierte sie runter, als hätte sie diesen Text heute schon zigfach wiedergegeben.
»Das weiß ich. Es ist auch überhaupt nicht mein Fernseher. Den hat irgendjemand vor unser Haus gestellt, auf die Grünfläche. Die gehört nicht mal zum Grundstück, das ist schon Stadtgebiet. Das ist wilder Müll, verstehen Sie?«
Sie verstand. Gelangweilt versprach sie, dass sich noch heute jemand der Sache annehmen würde.
Auch heute ertappte sich Hank dabei, dass er seine Arbeit nur unkonzentriert erledigte und immer wieder ans Fenster ging, um nach unten zu spähen und nach dem Fernseher zu schauen. Jedes Mal stand das Gerät an einer anderen Stelle. Mal war der Bildschirm zur einen Seite der Straße gewandt, mal zur anderen. Doch egal, wie oft Hank zum Fenster ging, nie erwischte er die Leute, die sich an dem Ding zu schaffen machten. Schließlich blickte der Fernseher zum Haus.
Er hat mich endlich gefunden, dachte Hank mit einem Schaudern und kam sich gleich darauf albern vor.
Doch er konnte nicht verhindern, dass ihm der Anblick des Gerätes eine diffuse Angst einjagte.
Als es dunkel wurde, stand der Fernseher immer noch da, immer noch dem Haus zugewandt. Hank ging runter. Der Fernseher grinste ihn an. Ein leises Flackern lief über den Bildschirm, ein kleines Zucken, so als wäre er gerade ausgeschaltet worden und das Bild würde in einem Lichtblitz verschwinden. Hank wusste, dass das unmöglich war. Die Scheinwerfer irgendeines Autos mussten sich in dem Glas gespiegelt haben.
Er wollte den Fernseher wieder näher an die Straße stellen und vor allem umdrehen. Dabei kam er sich zwar dumm vor, aber er fühlte sich nun mal unangenehm von dem Gerät beobachtet.
Hank beugte sich zu dem Fernseher, um ihn hochzuheben. Kaum hatte er den Rahmen gepackt, zuckte ein flammendheißer Stoß puren Schmerzes durch seine Hände und Arme. Instinktiv ließ er los und machte einen Satz nach hinten, stolperte über die Bordsteinkante und prallte hart auf den Asphalt. Sein Steißbein antwortete mit ebenso massivem Schmerz auf diese Misshandlung. Hank schrie gequält auf.
Er rollte sich auf der Seite liegend zusammen und rieb sich hektisch die Hände. Dabei ließ er den Fernseher nicht aus den Augen. Misstrauisch spähte er zu dem Gerät, das unverändert höhnisch zu grinsen schien. Aus dieser Perspektive konnte er nun auch endlich erkennen, woher dieser absurde Eindruck rührte: Der Schriftzug des Herstellernamens, normalerweise einigermaßen dezent aber lesbar unten an der Vorderseite des Gehäuses aufgedruckt, war bei diesem Fernseher fast schon übertrieben groß und mit leicht erhabenen, silbern schimmernden Buchstaben so aufgeklebt, dass der Eindruck eines breiten Mundes entstand. Zumindest nahm Hank es so wahr – er neigte dazu, zufällige Muster zu Gesichtern zusammenzusetzen. Wie hieß diese Sache noch mal bei den Psychologen? Pareidolie. Er hatte mal darüber gelesen, dass es im Grunde jedem Menschen so ging, man suchte immer Vertrautes im Chaos.
Hank schob seine sinnlosen Gedanken beiseite und erhob sich in eine hockende Position. Der Markenname des Fernsehers hatte ihn neugierig gemacht – etwas stimmte damit nicht.
Langsam beugte er sich nach vorne. »G-R-A-Y-S-O-N.«
Hank runzelte die Stirn. Grayson? Das hatte er noch nie gehört. Es musste irgendein Billig-Hersteller sein. Das würde auch erklären, warum er sich an dem Gehäuse einen derart schweren Stromschlag eingefangen hatte. Die billige Verarbeitung hatte womöglich dafür gesorgt, dass im Inneren des Gerätes irgendwelche Kabel oder Spulen oder Kondensatoren die Spannung gehalten und jetzt an ihn abgegeben hatten.
So oder so ähnlich. In Wahrheit kannte Hank sich mit solchen Dingen absolut nicht aus. Und hätten dann nicht auch die Möchtegern-Vandalen, die den Fernseher den ganzen Tag lang hin und her geschoben hatten, einen Schlag kriegen müssen? Vielleicht hatten sie ihn deshalb nicht mitgenommen.
Trotzdem konnte Hank nicht einfach von seinem ursprünglichen Plan abrücken. Der Fernseher war ihm entschieden unheimlich, er wollte nicht, dass das Gerät so nah an seinem Haus stand. Mit einem Ast aus seinem Vorgarten stocherte er vorsichtig an dem Gehäuse herum, konnte aber nichts feststellen, das darauf schließen ließ, dass es weiter unter Strom stand. Was vermutlich sowieso unmöglich war. Hank nahm all seinen Mut zusammen und dieses Mal konnte er den Fernseher tatsächlich problemlos berühren.
Er wuchtete ihn hoch und stellte entsetzt fest, dass er sogar noch schwerer war, als er aussah. Mit zwei Schritten wollte er das Teil näher an die Straße bringen und beim Abstellen auch gleich umdrehen, doch plötzlich entglitt es seinen Fingern und ehe er reagieren konnte, krachte der Fernseher auf seinen linken Fuß.
Hank schrie nicht nur, er brüllte regelrecht. Der Schmerz war unbegreiflich. Ein Brennen, Reißen, Quetschen, alles zugleich und in einer Intensität, die alle anderen Empfindungen ausblendete. Vor seinen Augen explodierten Sterne.
Rasend vor Schmerzen trat er mit dem rechten Fuß gegen den Fernseher, der daraufhin zur Seite kippte und seinen linken Fuß freigab. Hanks weicher Turnschuh aus schwarzem Stoff sah merkwürdig flach aus. Er war sicher, dass der Fuß gebrochen war, wollte aber keinesfalls hier und jetzt eine weitere Untersuchung vornehmen. Wütend spuckte er den Fernseher an. Gleich darauf blickte er sich peinlich berührt um, ob ihn womöglich einer der Nachbarn in dieser absurden Situation beobachtet hatte, und humpelte, als er niemanden entdeckte, stöhnend zurück ins Haus.
Der Weg die Treppe hinauf in seine Wohnung glich einem Spaziergang über glühende Kohlen. Sein Steißbein brannte, der Fuß pochte und schickte bei jedem Schritt sengende Schmerzen durch seinen Körper.
Oben angekommen löste er vorsichtig die Schnürung seines Schuhs und zog ihn so behutsam, wie seine zitternden Hände es zuließen, aus. Sein Fuß war nicht platt, wie er es unten vor dem Haus zunächst vermutet hatte. Stattdessen schwoll er bereits stark an, die Haut verfärbte sich rötlich und blau und der große Zehennagel blutete. Eine Berührung war nicht möglich, er zuckte gequält zusammen, als er es versuchte.
Sicher waren mehrere Knochen gebrochen.
Er musste in ein Krankenhaus, also rief er ein Taxi und wählte nach kurzer Überlegung danach erneut die Nummer der Stadtverwaltung. Wie durch ein Wunder kam er sofort durch. Keine Warteschleife für den verletzten Hank!
So gelassen wie möglich setzte er dem gelangweilten Studenten, der offensichtlich den Spätdienst in der Behörde abbekommen hatte, auseinander, dass der wilde Müll vor seinem Haus noch immer nicht entsorgt war. Der Kerl am anderen Ende der Leitung versprach Abhilfe, ja, noch heute, ließ sich nochmals die Adresse bestätigen und legte dann auf.
Als der Taxifahrer klingelte, schlüpfte Hank mit dem verletzten Fuß vorsichtig in einen alten, ausgelatschten Wollpantoffel und hinkte nach unten.
Der Fuß war tatsächlich gebrochen. Erst spät in der Nacht kam Hank mit einem überdimensionalen Gips und Krücken nach Hause zurück – wieder mit einem Taxi. Diese unerwartete Ausgabe schmälerte sein Zigarettenbudget für diese Woche. Trotzdem zündete er sich sofort eine an, als er ausgestiegen war, und rauchte vor dem Haus. Dabei betrachtete er sehr zufrieden die Flecken braunen, platt gedrückten Grases, auf denen sich einzelne Halme schon wieder aufzurichten begannen.
Er hatte gewonnen. Er hatte gekämpft, er hatte Rückschläge und schwere Verluste hinnehmen müssen, er war demoralisiert worden – aber letzten Endes hatte er gewonnen. Der Fernseher war weg.

August

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es sollte doch entspannend, anregend und vielleicht ein bisschen lehrreich sein, mein Unterwasser-Abenteuer in dem alten Baggersee. Tatsächlich ist es einfach nur anstrengend. Diese stinkenden kleinen Bastarde lassen mir ja keine andere Wahl. Jetzt ist es doch Arbeit geworden, richtig harte Arbeit sogar.

Alles Ausländerkinder, diese besonders schlecht erzogenen kleinen Ratten ohne Respekt vor deutschen Tugenden und deutschen Recken.

Hier stehe ich nun, in voller Taucherausrüstung, der Schweiß läuft mir den Rücken hinunter und sammelt sich unangenehm in der engen Neoprenhülle.

Dabei hätte es so schön werden können: Der See, das Wasser, Dunkelheit zwischen den Algen, Licht näher an der Oberfläche, die aufsteigenden Blasen aus meiner Sauerstoffflasche, hier ein Hecht, dort ein Barsch, wie sie majestätisch durch ihre Heimstatt gleiten.

Doch nichts war majestätisch: Einer der kleinen schwarzen Bastarde sprang mit dem Hintern voran in den See und blitzschnell waren meine schuppigen Freunde verschwunden, das Wasser zerwühlt, die Algen in Aufruhr, die Klarheit dahin.

Zu viele Kinder, viel zu viele Kinder in meinem kleinen See. Es wurde laut.

Zuerst floh ich einfach, schwamm zurück zu meinem kleinen Lager in der Uferböschung neben dem zugewachsenen Holzsteg. Aber dort ärgerte ich mich so sehr, dass ich beschloss, etwas zu tun. So einfach lasse ich mich nicht vertreiben, nicht von diesen kleinen Kanacken! Seit Wochen tauche ich hier, ich kenne jeden Fisch beim Namen, weiß um jedes Nest.

Ich schwamm also zurück. Etwa in der Mitte des Sees war eines dieser Kinder allein, ließ sich in der Sonne treiben. Das habe ich zuerst entsorgt, es war ganz leicht, diese Drückeberger sind schwächlich und wehren sich nicht lange. Dann kam noch ein Kind, danach zwei.

Doch langsam wurde ich müde, es ging allzu langsam so, ich würde bis zum Herbst brauchen, bis ich wieder in Ruhe tauchen könnte.

Also musste ich den See doch verlassen und in meinem Wagen nach passendem Zubehör suchen. Die vier ertrunkenen Kinder habe ich nahe dem Grund des Sees in das Algendickicht gesteckt, das hält ganz gut.

Jetzt ist der gesamte See präpariert, und ich bin erschöpft, sehr erschöpft. Es hat lange gedauert und war sehr schwierig. Aber meine vier neuen Freunde haben mir sozusagen dabei geholfen. Sie sind nun Bomben! Wirkliche, wahrhaftige Bomben!

Ha, Ihr Kinder, ha! Ihr hättet Euch eben nicht mit dem Chemiker anlegen sollen.

Nein, das klingt jetzt allzu melodramatisch, allzu sehr nach Super-Schurke.

Aber was sonst kann ich in diesem erhabenen Augenblick sagen, einem Augenblick der Befreiung? Ein Gedicht deklamieren? Vielleicht die Nationalhymne anstimmen? Das wäre passend, oh so passend.

Also denn, ich singe laut und vernehmlich, die Hand am Herzen, meine Stimme klingt über den See, in dem sie noch immer ahnungslos toben und kreischen und in ihrem Spiel weder mich noch das Fehlen ihrer Kameraden bemerken. Die Sonne sinkt bereits hinter die Bäume am anderen Ufer, meinem Ufer, denn ich stehe meinem verborgenen Steg gegenüber auf einem neueren Holzkonstrukt, das gerade noch übersäht war mit dem Unrat der Kinder. Ich habe all ihre Sachen in den See geworfen, sie werden ihre Handtücher und kleinen Hemden und Hosen nun nicht mehr brauchen.

Dieser Gedanke macht mich lachen, ein freudiges, echtes Lachen, und ich weiß, dass der Moment nun gekommen ist, und auf dem nunmehr leeren Steg an diesem meinem Lieblingssee in der rotglühenden Frühabendsonne betätige ich den Auslöser und der See detoniert, genau nach Plan, und reißt die kreischenden und stinkenden kleinen Kanacken in den verdienten Tod.

Schnell ist es ruhig, endlich wieder ruhig.

Ich warte einig Minuten, ehe ich mir die Taucherbrille von der Stirn über das Gesicht ziehe und mit einem kühnen Sprung vom Steg in meine Lieblingswelt eintauche.

Doch Schande: Wie konnte ich mich hinreißen lassen, mit solch harten Mitteln meinen See zurückzuerobern? Überall schwimmen Teile dieser widerlichen Kinderkörper, und dazwischen, ach, auch meiner Fische!

(Aus: KALENDARIUM. Ein Jahreszyklus in Wort-Ton-Bild.)

Über Kisten

Etwas weniger als drei Jahre sind vergangen seit einer verwirrten und verwirrenden Trennung zugunsten einer neuen und nicht minder verwirrenden Beziehung, die ihrerseits rasch sterben musste. Jedes Mal riss es große Wunden und ging mit großen Verlusten einher.
Und jedes Mal war ich die Schuldige.

(Eine Erkenntnis, die im Übrigen nicht unbedingt für geringeren Schmerz sorgt.)

Dann folgte der große Zusammenbruch, die Zeitdesschlafes wechselte mit der Zeitdeskampfes und der Zeitdermedizin. Und mehr Schlaf. Wochen und Monate, die sich allein anhand von eMails aus jener Zeit rekonstruieren lassen.
Dann Klinik.
Dann Italien.
Dann Stefan, mal wieder viel zu impulsiv und hektisch und wenig überlegt.

(Aber seit etwas mehr als zwei Jahren ausgesprochen erfolgreich & schön.)

Dann Heute.
Ein neues Leben in einer neuen Stadt, mit neuen Freunden, einer neuen Beziehung, einem neuen Beziehungsstatus, neuer Arbeit.

(Ein neues Leben, fürwahr. Wie ist das nur passiert? Die eMails geben dazu keine befriedigende Auskunft.)

Ankommen wird langsam notwendig. Denn wenn auch jetzt alles anders läuft, ich scheinbar nach dem großen Zusammenbruch in einer anderen Simona aufgewacht bin

(I’m transforming, I’m vibrating, look at me now)

ist das doch Blödsinn, schlicht nicht wahr. Mein Leben ist noch dasselbe, ich bin noch dieselbe.

Und ich werde verfolgt.
Wie immer, wenn ich eine Emotion nicht ansehen will, nicht wahrhaben, habe ich die Ereignisse der letzten Jahre in kleine Kisten gepackt und hinter mir auf den Boden fallen lassen.
Aber da bleiben sie nicht, diese elenden Kisten. Sie ziehen Fäden. Zähe, klebrige Fäden, die nicht unendlich lang werden und auch nicht reißen können, sondern einfach irgendwann zusammenschnurren, sodass die Kiste nach vorne geschleudert wird und mich trifft. Kiste um Kiste schmettert mir gegen den Kopf und fällt auseinander.

(Pitsch: Eigentlich sehnst du dich doch nach der alten Heimat.)

(Pitsch: Oh, da hattest du Streit mit Papa. Lass uns das doch die ganze Nacht hin und her drehen und nachschauen, wie dumm du dich verhalten hast.)

(Pitsch: Mama ist tot.)

(Pitsch: Y. redet immer noch nicht mit dir.)

(Pitsch: X. macht lustige Sachen mit den Leuten, die du so arg vermisst. Und redet im Übrigen auch nicht mehr mit dir.)

Pitch, pitsch, pitsch.
Dumme kleine Kisten. Keine Ahnung, was man mit dem ganzen Sperrholz anfangen soll.

Eine Überdosis Optimismus

Auf der Leipziger Buchmesse drückte man mir ein reisendes Tagebuch in die Hand, das ich zu füllen und weiterzugeben hätte.

Zu Befehl!

Statt Messebericht also ein schnöder Eindruck, morgens im strahlenden Sonnenschein auf dem Balkon meiner Gastgeberin in besagtes Reisebüchlein geschmiert*.

 

 

*Ja, meine Handschrift ist nicht besonders leserlich. Lebt damit, ich schaffe es ja auch.

Lesung in Berlin – live & lauschig

Am 21. und 22. Februar hatte ich wieder mal die wunderbare Gelegenheit, in Berlin zu lesen. Wir stellten LÜCKENFÜLLER – EINE TENTAKELPORN-ANTHOLOGIE vor, das neue Baby von Herausgeberin und Mitautorin Claudia Rapp.

Der erste Abend in der urgemütlichen Zyankali-Bar wurde sogar per Livestream übertragen, sodass wir nun ein unsterbliches Zeugnis unseres grandiosen Leseabends vorweisen können.

Bitte schön:

Aufgenommen, moralisch unterstützt und bestens unterhalten wurden wir übrigens von Sascha Schlüter, dessen Geschichte ebenfalls Eingang in die Anthologie gefunden hat. Danke Sascha – es ist immer eine Freude, mit dir zu arbeiten!

Nicht dabei war leider unser dritter Mann, Mark G. Rummel, der am Nachmittg einen ärgerlichen Unfall hatte. Gute Besserung, mein Lieber – es war mir ein Fest, deine grandiose Erzählung vorzutragen! (Gar nicht so einfach, wenn man sie vorher noch nie gelesen hat und andauernd lachen muss …)

Die Autorin unterwegs – mit Geschichten von unterwegs

Am Samstag, den 21. Januar 2017 darf ich zusammen mit meiner lieben Kollegin Paula Kemp in Düsseldorf Dinge vorlesen: Geschichten von unterwegs – Marokko-Roadtrip meets Genua-Ennui in Shari’s Kitchen in der Collenbachstraße 41.

Direkt im Anschluss geht es weiter nach Mönchengladbach, wo am 22. Januar Paula, Marlies Weißbrich und ich mehr Geschichten von unterwegs zum Besten geben – zusätzlich zu Marokko & Genua dürft ihr dann auch den Jakobsweg erforschen. Im Ladenlokal in der Eickener Straße 41, Beginn 20 Uhr.

Über das neue Jahr

Jahreswechsel scheinen den Menschen ein wenig auf die Nerven zu gehen. Zumindest in meiner persönlichen Filterblase tummeln sich mehr Leute, die sich über das angenommene Rekapitulieren der vergangenen Monate durch ihre Mitmenschen echauffieren, als Leute, die tatsächlich genau diese Rekapitulation betreiben.
Ich finde das schade, denn ich mag Symbole, ich mag Rückblicke. Ich mag es, einen Tag zu erleben und mir auch zu gönnen, an dem ich nachsehe, was so alles war und hätte sein können und jetzt ist und vielleicht werden wird.

(»Was vielleicht werden wird« ist dabei übrigens mein Liebling, mein »Happy Place«, wenn ich nicht schlafen kann und das [nicht völlig zu Unrecht] viel gepriesene »Jetzt« schlicht kacke ist.)

Der letzte Tag des Jahres ist aus verschiedenen Gründen gut geeignet, dieser Neigung nachzugeben: Ich muss gemeinhin nicht arbeiten, die Stadt ist meist kalt, leer und ruhig, und alles bereitet sich auf einen schönen Abend mit Freunden vor.

(Heute bin ich zudem ein wenig kränklich, was mir immer als Ausrede dient, noch intensiver auf der Couch herumzuhängen, als ich das ohnehin tue.)

In der Vergangenheit hatte ich zum Glück häufig die Gelegenheit, diesen Tag mit Freunden zu begehen, bei festivalartigen Zusammenkünften über mehrere Tage. Wir gingen gemeinsam einkaufen, kochten mit tatkräftiger Unterstützung diverser Flaschen Wein, aßen, unternahmen Spaziergänge, spielten Partyspiele, aßen, hörten Musik, sahen Filme, aßen, teilten, was uns das Jahr über widerfahren war, aßen, tranken, aßen, purzelten übereinander, aßen, und um Mitternacht lagen wir uns in den Armen und freuten uns, dass wir einander kennen durften. Am nächsten Tag saßen wir mehr oder weniger verkatert in der Sauna und begannen das neue Jahr friedlich und aufgeräumt, ehe wir noch mehr aßen.

Nach diesen Tagen wieder nach Hause zu fahren, war immer einigermaßen hart.
Jetzt daran zu denken, dass es so bald keine dieser Jahresendzusammenkünfte mehr geben wird, ist noch härter.

Doch das hat nur am Rande mit 2016 zu tun; eigentlich nur insofern, als mein 2016 geprägt war von Erinnerungen an meine Freunde und meine Vergangenheit und all die Dinge, die so nicht wieder stattfinden werden, zumindest nicht in absehbarer Zukunft.
Das klingt dramatisch, als wären alle tot oder so. Dem ist natürlich nicht so, ich bin einfach nur umgezogen, das erste Mal in meinem Leben dauerhaft weg von daheim. Ich kam nicht mal besonders weit, gerade weit genug, dass ich mir ein neues Umfeld suchen und meine Zeit anders planen muss. Eine Umstellung, die gerade groß genug ist, dass sich alles anders und neu anfühlt und ich mich oft einsam.

Das wird sich vermutlich im Laufe des nächsten Jahres ändern, denn dieses Mal gibt es Vorsätze im Hause Turini!

Die Veränderungen der nahen Vergangenheit waren krass: Viele Menschen sind nicht mehr da, oder geografisch weit weg, oder emotional weit weg. Dafür sind zahlreiche neue Menschen in mein Leben getreten, mit einem davon habe ich mich sogar verlobt. Meine berufliche Situation ist völlig anders als früher, der Aufbau meiner freiberuflichen Tätigkeit hat Zeit, Geld und Nerven gekostet – zum Glück aber auch Zeit, Geld und Glück gebracht.
Jetzt will ich in aller Ruhe ausbauen, was ich angefangen habe & mich auf das zurückziehen, was ich kann und mag. Große Veränderungen oder wahnwitzige Pläne werde ich 2017 einfach mal nicht machen. Ich wünsche mir ruhiges Fahrwasser, will ein klein wenig Stabilität in mein Leben bringen und die neuen Beziehungen vertiefen.

Klingt langweilig, und vielleicht wird es das manchmal auch werden, aber es ist notwendig: Ankommen ist die Devise für die zwölf Monate, die vor mir liegen.

Was auch immer ihr euch alle vornehmt oder erhofft, ich erhebe mein Glas (und heute Abend wird es zahlreiche Gläser geben, die ich zu erheben gedenke) & proste euch zu & wünsche euch, dass es klappt.

AUF DEM DACH oder: Wie mir manchmal wirre Ideen kommen, wenn ich in der Gegend rumliege

Wenn man Yoga praktiziert, praktiziert man auch Meditation sowie Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

(Das klingt dröge, fühlt sich aber großartig an.)

Und manchmal, wenn so daliegt und seine Gedanken kommen und gehen lässt, locker und sanft und gaaaaanz entspannt, können entschieden merkwürdige Gedanken kommen.

Und womöglich nicht wieder gehen.

Zum Beispiel der, dass die Luft, die ein- und ausströmt und den Körper mit Prana, der Lebensenergie, versorgt, auch etwas ganz anderes sein könnte, das nicht einfach nur einströmt, Sauerstoff ablädt und wieder verschwindet, sondern etwas, das gewaltsam eindringt, sich breitmacht und absolut nicht daran denkt, wieder zu gehen.

Etwas, das einen verändert.

 

Beim Yoga kam mir die Idee zum Schicksal des Protagonisten meiner Erzählung in „Lückenfüller“, und beim Yoga habe ich dann auch den Rest entworfen.

(Es waren mehrere Übungsstunden, in denen ich so abgelenkt war, dass rein gar nichts funktionierte – aber am Ende hatte ich eine halbe Geschichte.)

(Immerhin.)

Den zweiten Teil kannte ich bereits, in gewisser Weise, denn seit ich diese aufschlussreiche Diskussion gelesen habe, ließ mich der Gedanke an Experimente mit Ameisen nicht mehr los …

Manchmal ist genau das mein Leben. Manchmal passt mir das ganz gut.

(Manchmal beschert es mir auch einfach Rückenschmerzen. Keine anständige Yoga-Praxis und so …)

 

Wer wissen will, wie die anderen Beiträge der Anthologie entstanden sind & welche merkwürdigen Gedanken meine werten Kollegen so hatten, der darf hier, hier und hier schauen!

TENTAKEL AHOI!!

Wie manch einer vielleicht mitbekommen hat, ist meine aktuelle Veröffentlichung eine ganz besondere: Meine liebe Freundin Claudia Rapp hat die Herausgeberschaft für eine ziemlich durchgeknallte Anthologie übernommen.

Es geht um Tentakel.

Und was man damit alles anstellen kann.

Und Sex.

Ich durfte mitmachen. Es war heiß!

Claudia hat auf ihrem Blog die Hintergründe ihres Beitrags beschrieben, und Sascha Schlüter (ebenfalls mit einer Geschichte vertreten) hat einen sehr feinen Trailer spendiert.

In den nächsten Tagen folgen mehr Hintergrundinfos zu der besten Anthologie des Jahres, die ihr hier als eBook und hier als streng limitiertes Hardcover bestellen könnt.

Greift zu, später gibt es das wunderhübsche Dinglein nicht mehr! NIE WIEDER!

Kurzurlaub

… und dann wachst du eines Tages auf und fühlst dich nicht gut und genaues Nachdenken bringt dich darauf, dass dein Unwohlsein einen einfachen Grund hat:

Du bist nicht, wer du zu sein glaubtest.

Das kann der Mutter passieren, die plötzlich feststellt, dass sie Kinder nicht leiden kann, oder dem Banker, der lieber Bäume retten will, oder der Schülerin, die statt ihres Freundes lieber die beste Freundin küssen will.

Es kann aber auch passieren, dass du gestern noch neidisch auf deinen Kumpel warst, der sechs Wochen in Thailand verbringen wird und es wütend auf „kein Geld“ und „keine Zeit“ geschoben hast, dass du so was niemals tust, und heute stellst du fest:

Nix da, Geld und Zeit ließen sich einrichten, du willst schlicht nicht sechs Wochen weg.

Kurz: Du wachst auf und stellst fest, dass du überhaupt kein verhinderter Globetrotter bist, sondern eine sehr erfolgreiche Couchpotato, ein Heimscheißer, einer der langweiligen Daheimaufmbalkonsitzer.

Was du doch eigentlich niemals sein wolltest.

 

Um nicht vollends die Achtung vor mir selbst zu verlieren, präge ich hiermit den Begriff „Permanentkurzurlauberin“.