In meinem Badezimmer

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Ein junges Mädchen, das immer weint.
Will ich mir die Zähne putzen, muss ich mich an ihr vorbei drängeln. Will ich mein Gesicht waschen, passe ich auf, sie nicht zu treten. Sie ist durchlässig, wie sie da mitten auf dem Teppich sitzt, ich könnte mir den Aufwand sparen und mich einfach in sie stellen. Aber es ist kalt, wo sie sitzt, sie ist kalt, und ihr Weinen macht mich nervös.

In meinem Badezimmer wohnt ein Geist. Das Bad ist winzig und das Mädchen eigentlich schon groß. Für zwei ist es zu eng hier, zwischen Waschbecken und Badewanne. Ich bitte sie, Platz zu machen und sie sieht mich aus großen, tränenfeuchten Augen an und macht keinen Platz. Immerzu weint sie, aber ihr Gesicht ist glatt und blass und wunderschön, ihre Augen klar, ihre Lippen voll, ihr Haar seidig. Nicht wie ich, wenn ich weinen muss. Ich sehe aus, wie Menschen dann nun mal aussehen: Rot und verquollen, winzige, schnell zuschwellende Augen, die kaum noch etwas sehen, Rotz und Speichel und überhaupt viel zu viel Flüssigkeit im Gesicht.
Ich hasse den Geist dafür, dass sie so süß ist.
Ich hasse es, dass sie mein winziges Bad verstopft.
Ich hasse, wie sie mich anklagend betrachtet, wenn ich es wage, in meiner eigenen Wanne ein Bad zu nehmen.

Immer, wenn ich in der Badewanne fast ausrutsche, weil ich so ungeschickt an ihr vorbei hineinsteigen muss, trete ich sie. Mit Absicht. Trotz der Kälte. Immer weint sie, unbeeindruckt, und bleibt sitzen.

Ob sie will, dass ich stürze und mir das Genick breche?

In meinem Wohnzimmer

Ich liege auf der Couch in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. Ein Nachtfalter flattert hektisch herum – immer wieder prallt er mit Getöse gegen die Deckenlampe. Ich sollte aufstehen und sie ausschalten, damit das Licht nicht auch noch all seine Freunde anlockt.
Doch ich kann nicht aufstehen: Auf meiner Hand sitzt eine Spinne, klein & schwarz. Ich will sie nicht stören. Mit der anderen Hand halte ich die Fernbedienung, zappe herum. Es läuft überall Werbung. Die Spinne kriecht zwischen meinen Fingern herum, zieht schimmernde Fäden ihrer Seide hinter sich her.
So fragil – eine winzige Bewegung kann alles zerstören. Ich halte still.
Die Werbung nimmt kein Ende. Ich schalte den Fernseher aus. Der Fernseher schaltet sich wieder ein. Die kleine Spinne hat meine Hand komplett umwoben. Sie sitzt zufrieden auf meinem Arm. Gemeinsam bewundern wir ihr Meisterwerk.
Der Nachtfalter hat sich an meiner Lampe den hohlen Schädel eingeschlagen. Er liegt zuckend am Boden. Immer noch Werbung. Wieder schalte ich den Fernseher aus.
Die Spinne arbeitet an meinem Arm. Der Fernseher geht wieder an. Auf dem Bildschirm sehe ich, wie die Spinne meine Brust in ihre Seide hüllt, meinen anderen Arm, die Beine.
Jetzt kann ich den Fernseher nicht mehr ausschalten; dazu müsste ich die Hand heben und ihr Netz zerreißen.
Ein Grashüpfer kommt durchs Fenster und bleibt an meinem rechten Knie kleben. Die Spinne eilt zu ihm, fesselt ihn und saugt ihn gierig aus. Satt und zufrieden lächeln wir uns an. Der Fernseher schaltet auf Werbung.
Die Spinne beendet ihre Arbeit an meinem rechten Fuß und wandert an mir hoch, bis sie mein Gesicht erreicht. Glitzernde Fäden nehmen mir nach und nach die Sicht.
Ich kann mich nicht bewegen.

In meinem Schlafzimmer

In meinem Schlafzimmer steht ein Mann. Er steht neben der Tür, in der Ecke, beim Wäschekorb.

Groß und blass und mit hängenden Schultern blickt er zu mir rüber, die Augen müde.

Immer, wenn ich hinsehe, ist er weg.